7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 221
c) Die Ansichten der Sozialreformer und Sozialisten.
Es ist bereits darauf hingewiesen worden, daß alle diejenigen,
welche die Ursache von Not und Elend in Mängeln der vorhandenen
gesellschaftlichen Ordnung sahen, zu Gegnern des Malthus werden
mußten. An diesem Punkte mußten sich die Geister scheiden.
Für Malthus und seine Anhänger ist die soziale Frage in erster
Linie ein Produktions-, für die große Gruppe der Sozialreformer
und Sozialisten ein gesellschaftliches Problem und kann durch
Änderungen der sozialen Ordnung behoben werden. Dem widerspricht
es nicht, daß Malthus auch der gesellschaftlichen Ordnung
eine gewisse Rolle zur Erklärung der sozialen Notlage beimaß, es
widerspricht dem Gesagten auch nicht, daß innerhalb der großen
Gruppe der Sozialreformer und Sozialisten sich manche finden, die
mehr oder weniger Anhänger von Malthus sind. Für diejenigen,
die im Prinzip auf diesem Boden stehen, muß sich dann immer
wieder die Frage erheben, ob nicht auch bei einer neuen gesellschaftlichen
Ordnung solche Spannungsverhältnisse zwischen Volkszahl
und Nahrungsspielraum auftreten können.
Der erste Sozialreformer großen Stiles, der sich gegen Malthus
wandte, war S. de Sismondi. Auch er stand — genau wie
Malthus — unter dem überwältigenden Eindruck der damaligen
sozialen Notlage; aber er war der Meinung, daß die Menge der
Nahrungsmittel, welche die Erde hervorbringen könne, keine Schranke
für die Vermehrung der Bevölkerung sei. Sismondi gehört, das
verdient besonders hervorgehoben zu werden, zu den wenigen
Gegnern von Malthus, die ihm ohne Voreingenommenheit gegenüberstanden
und seinen ehrlichen Willen durchaus anerkannt haben.
Er sagt von ihm: „Der englische Philosoph Malthus, der mit einem
hervorragenden Geist ein gewissenhaftes Studium der Tatsachen
verbindet und den eine glühende Menschenliebe zu seinen Untersuchungen
veranlaßt hat, hat zuerst auf die Mißstände aufmerksam gemacht,
denen eine überschüssige Bevölkerung ausgesetzt ist, die
mit dem äußersten Elend kämpft“ 1).
Sismondi hat vor allem gegen Malthus eingewendet, sein
Gedanke, die Bevölkerung eines Landes sei durch die Subsistenzmittel
begrenzt, könne allenfalls für die ganze Erde zutreffen, aber
diese Voraussetzung sei zu abstrakt: „Niemals hat die Bevölkerung
die Grenze der möglichen Unterhaltsmittel erreicht und wird sie
wahrscheinlich niemals erreichen“, „Lange, ehe der Bevölkerung
1) Neue Grundsätze d. politischen Ökonomie, Bd. 2, Buch 7.