7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 223
freilich auf wichtige Seiten der Frage hingewiesen. Er hat hervorgehoben,
daß ein großer Unterschied bei den Menschen vorhanden sei
zwischen der Fähigkeit, sich zu vermehren und dem, was die Wirklichkeit
hier ergäbe. „Alle Menschen haben nicht das Bedürfnis,
eine Familie zu haben, Alle haben nicht die Mittel, sie aufzuziehen,
Alle verheiraten sich nicht, unter Denen, die es tun, lassen die
Meisten einen guten Teil der Zeit hingehen, in der sie anfangen
könnten, Kinder zu erzeugen, die Meisten hören damit vor dem
Alter auf: in keiner menschlichen Tätigkeit darf man die Fähigkeit
mit Willen verwechseln. Die Vermehrung der Art hängt von ihrem
Willen ab und hat in diesem ihre Grenzen“ 1),
Er hat auch hervorgehoben, daß vor allem die schlechte Lage
der Bevölkerung in erster Linie zu dem Anwachsen der Volkszahl beitrage.
Wenn wir eben sahen, daß für Sismondi das Bevölkerungsproblem
in hohem Grade mit der Nachfrage nach Arbeit zusammenhing,
so mußte er auch dazu kommen, das in seiner Zeit so wichtige
Problem „Arbeiter und Maschine“ unter dem gleichen Gesichtspunkt
zu betrachten. Er hat dies in einem eingehenden Kapitel
„Von der Bevölkerung, die durch die Erfindung der Maschinen überflüssig
wird, getan“ ?). Er meint hier, daß die Maschinen lehren, mit
einem großen Kapital das anzufertigen, was früher mit einer großen
Menge an Arbeit gemacht wurde und glaubt, daß man nicht verhindern
könne, „daß jede neue Erfindung in der angewandten
Mechanik nicht die Arbeiterbevölkerung vermindert“ 8).
Die Zeit, in der Sismondi lebte, ist auch die des aufkommenden
und sich entwickelnden Sozialismus. Hat man doch auch
vielfach Sismondi zu dieser Richtung gezählt. Die Sozialisten
haben nur z. T. den Zusammenhängen zwischen Wirtschaft und Bevölkerung
Beachtung geschenkt. R. Owen übergeht sie ganz, ebenso
St. Simon und Cabet, während sich Fourier und Thompson
a, a. OO, S. 104.
a. a. O., Bd. 2, S. 239,
’) Vgl. dazu Ausgewählte Lesestücke z. Studium d. pol. Ökonomie, v. K. Dieh]
au. P. Mombert, Bd. 20, „Arbeiter u, Maschine‘, 1926.
4) Zur Stellung der Sozialisten zum Bevölkerungsproblem vgl. H. Soetbeer,
Die Stellung d. Sozialisten z, Malthus’schen Bevölkerungslehre, 1886. — A. A. Tenney,
Social Democracy and population, New-York 1907. — E. Unshelm, Geburtenbeschränkung
u. Sozialismus, 1924. — R. Lewinson, Die Stellung d. deutschen
Sozialdemokratie z. Bevölkerungsfrage, Schmollers Jahrb, Jahrg. 46, ı922, Elster;
a, a, O.