7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 225
setzt er jedoch in die Wissenschaft. Auch wenn der Boden beschränkt
ist, auch wenn dessen Ertrag nicht immer im Verhältnis
zur Arbeit zunehme, so bliebe immer noch die Wissenschaft übrig,
„und deren Fortschritt ist ebenso unendlich und wenigstens ebenso
rasch wie die Bevölkerung“. „Die Wissenschaft aber schreitet fort
im Verhältniss zur Masse der Erkenntnis, die ihr von der vorhergehenden
Generation hinterlassen wurde, also unter den allergewöhnlichsten
Verhältnissen auch in geometrischer Progression.“
Beiden Argumenten begegnen wir damals auch bei den Vertretern
des ökonomischen Liberalismus.
K. Marx wendet sich zunächst gegen die abstrakte Formulierung,
die Malthus seiner Theorie gegeben hat; gerade bei
dieser Kritik tritt vor allem die Marx eigentümliche entwicklungsgeschichtliche
Betrachtungsweise zutage. Er meint, daß es schulmeisterlich
naiv gewesen sei, „den Produktions- und entsprechenden
Bevölkerungsverhältnissen des 10. Jahrhunderts den Maßstab des
[4. anzulegen“!), Er hebt demgegenüber hervor, „daß jede besondere
historische Produktionsweise ihre besonderen historisch gültigen
Populationsgesetze habe, daß ein abstraktes Populationsgesetz nur für
Pflanzen und Tiere existiere, so weit der Mensch nicht geschichtlich
eingreife“. Die Zusammenhänge zwischen Bevölkerung und Wirtschaft
sind für Marx also eine historische Kategorie und nehmen in
der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, deren Analyse sich Marx
in seinem „Kapital“ zur Aufgabe gestellt hat, die folgende Form an.
Das Kapital zerfällt in zwei Teile, einen konstanten und einen
variablen. Der letztere ist derjenige, der für die Entlohnung der
Arbeiter verwandt wird, zu dem konstanten Kapital gehört alles
übrige. Mit dem Wachstum der Masse des Rohmaterials, mit der
Zunahme und dem Wachstum der Maschinen steigt der konstante
Teil des Kapitals rascher als der variable. Mit der Abnahme dieses
letzteren, der allein für die Schaffung von Arbeitsgelegenheit in Frage
kommt, muß die Zahl der Arbeitslosen zunehmen; es entsteht eine
relative Übervölkerung, die sogenannte industrielle Reservearmee.
„Diese mit dem Wachstum des Gesamtkapitals beschleunigte
relative Abnahme seines variablen Bestandteils scheint auf der anderen
Seite umgekehrt stets rascheres absolutes Wachstum der Arbeiterbevölkerung
als des variablen Kapitals oder ihrer Beschäftigungsmittel.
Die kapitalistische Akkumulation produziert vielmehr .. . beständig
!) Das Kapital, Bd. 1, 4. Aufl., 1890, S. 670. — Für die vorliegende Frage
zommt namentlich das 23. Kap. im ersten Band in Betracht.
Diehl-Mombert, Grundrisse. Bd. ıs.