7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 235
duktion von Subsistenzmitteln zu der Bewegung der Bevölkerung
ist für Lange „das wichtigste aller sozialen Probleme“.
Es gibt auch ausgesprochene Sozialisten, die ihren Idealen keineswegs
die Einsicht in die wirklichen Zusammenhänge zwischen Bevölkerung
und Wirtschaft zum Opfer gebracht haben und die immer
wieder betonten, daß auch in einer sozialistischen Wirtschaftsordnung
mit Rücksicht auf das Volkswachstum keine Garantie für eine glückliche
und ausreichende Lage der Bevölkerung gegeben sei. David
z. B. hat das Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag durchaus
anerkannt. „So oft auch durch eine produktionsvermehrende
Neuerung die Ergiebigkeit des Aufwands verbessert, die Normalstufe
hinausgeschoben wird, immer wieder ist bald der Punkt erreicht,
von dem ab eine weitere Steigerung der Produkte und der
Produktivität auf erhöhten äußeren und inneren Wachstumswiderstand
stößt. Niemals wird das Gesetz dauernd aus dem Wege geräumt
und der Intensitätssteigerung damit freie Bahn bis zu beliebiger
Höhe gegeben“?), Auch Muckle hat den Standpunkt ver-:reten,
daß die Verheißungen des Sozialismus zweifellos denkbar
seien „unter der Voraussetzung, daß die Bevölkerungsvermehrung
nicht die Segnungen wachsender Produktionskraft hintanhält“. „Wächst
die Bevölkerung in dem riesigen Ausmaße der letzten Jahrzehnte
weiter, ohne daß wir dabei weitere Wunder der Wissenschaft und
Technik-erleben,' die die Leistungsfähigkeit der Produktivkräfte des
Kapitalismus um ein vielfaches erhöhen: so kann sich wohl eine
sozialistische Lebensordnung herausbilden, aber sie wird nicht der
strahlende Glücksbau sein, der den Propheten des Sozialismus vorschwebte“
?).
d) Diebiologischen Gegner von Malthus. — Wir haben
im Vorangegangenen bereits manche Schriftsteller kennen gelernt,
die ein Heilmittel gegen die drohende Bevölkerungsgefahr darin sahen,
daß die Menschen, vor allem mit zunehmender Kultur und Bildung,
zu einer Beschränkung des Volkswachstums gelangten.
Sismondi hatte ja Malthus den Vorwurf gemacht, daß er bei
der Frage des Volkswachstums die Fähigkeit mit dem Willen verwechselt
habe. Diese Tatsache wird ohne Unterschied immer wieder
in gleicher Weise von den Sozialisten wie auch von den Anhängern
der liberalen Schule betont. Der englische Nationalökonom Porter
schrieb: „Häufig nimmt fast immer in altbesiedelten Ländern die
1) Sozialismus u. Landwirtschaft, 2. Aufl., 1922, S. 362 u. 302.
2) Muckle, Das Kulturideal des Sozialismus, S. 123 u. 182. — Vgl. auch
R. Wilbrandt, Ökonomie, 1920, S. 66 ff.