7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 237
darauf hingewiesen !), daß wenn Körper und Geist besonders stark
in Anspruch genommen werden, die Fruchtbarkeit abnehme. Beide
Schriftsteller haben es nicht vermocht, den Nachweis für ihre Behauptungen
zu erbringen. Aber immerhin leiten die Darlegungen
Jarrolds zu den viel besser und tiefer‘ begründeten Anschauungen
Spencers hinüber, der mit einem ganz anderen Maß biologischer
und physiologischer Kenntnisse an die Frage herangeht.
5pencer stellt zunächst fest ?), daß ein enger Zusammenhang
zwischen der Gefahr der Artzerstörung und der Höhe der Fruchtbarkeit
vorhanden sei. Je größer diese Gefahr ist, um so höher ist
in der ganzen organischen Welt die Fruchtbarkeit. Je komplizierter
ein Organismus in seinem ganzen Aufbau ist, eine um so größere
Fähigkeit hat er zur Selbsterhaltung, aber auch eine um so geringere
Fortpflanzungsfähigkeit. Bei allen organischen Wesen besteht ein
Antagonismus zwischen Selbsterhaltung und Fortpflanzung. Denn
die letztere — die sogenannte Reproduktion — entzieht dem elterlichen
Körper Stoffe und Kräfte und ist damit ein Hindernis der
Selbsterhaltung. Wenn der Kampf ums Dasein nachläßt, wenn die
Selbsterhaltung gesicherter wird, so nehmen auch die Nervenzentren
an Kompliziertheit und Energie zu. Mit der Entwicklung der Gehirnmasse
verzögert sich dann einmal die geschlechtliche Reife und im
Zusammenhang damit mindert die steigende Ausgabe an geistigen
Kräften behufs Aneignung von Bildung die Fortpflanzungsfähigkeit
und den Begattungstrieb. Von da aus kommt Spencer dann zu
bestimmten Gesetzen, denen die Vermehrung der Menschen, ebenso
wie die aller organischen Wesen unterworfen ist. Auch er hebt
hervor, daß die Menschen mit ihrem Vermehrungsverhältnis der
Produktion fortwährend auf den Fersen sein werden und daß damit
eine Zeit kommen werde, „wo jede neue Vermehrung der Nahrung
nur durch eine mehr als verhältnismäßige Arbeit erreicht werden
kann“®%. Aber dieser drohenden Entwicklung würden diese eben
dargelegten Wandlungen der Fruchtbarkeit. mit Erfolg entgegenwirken.
Das Übermaß der Fruchtbarkeit hat den Zivilisationsprozeß
unvermeidlich gemacht, weil von jeher der Druck der Bevölkerung
die Ursache allen Fortschritts gewesen ist. Dieser Druck hat den
1) Jarrold, Dissertations on man, London 1806.
MA theory of population produced from the general law of animal fertility,
London 1852. — Prinzipien d. Biologie, Bd. 2, Deutsch 1877. — Vgl. dazu auch
Nossig, Über die Bevölkerung. Im Kosmos, Zeitschr. f. d. ges. Entwicklungslehre,
Bd. 2, 1885. — Dazu auch Schian, a. a. O.
3) Prinzipien, a. a. O., $ 374.