Full text : Bevölkerungslehre

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Erster geschichtlicher Teil

Geburtenhäufigkeit mit dem Fortschreiten von Zivilisation und den
Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten des Lebens ab!). Auch
bei Ricardo finden sich ähnliche Darlegungen. Bei Marlo ist
zu lesen: „Wert keine Hoffnung hat, dem fehlt natürlich die nötige
Spannkraft, um einen augenblicklichen Genuß einem entfernteren
Vorteil aufzuopfern; wer keine Zukunft hat, der lebt dem Augenblick;
 und wer lebt, um zu darben, der wird sich blind und rücksichtslos
 jedem erreichbaren Genuß hingeben“?). Ähnliche Gedanken
hat auch Prince-Smith ausgesprochen, daß nur Menschen, die
auf dem tiefsten Boden des Lebens stehen und kein Fallen befürchten,
den Vermehrungsdrang haben, von dem Malthus spricht. Anders,
wenn es sich um Menschen handelt, die kulturell und sozial höher
stehen. „Eine Volksklasse, welche sich zum Bewußtsein ihrer
Menschenwürde erhoben hat, läuft nicht Gefahr, durch eine maßlose
Vermehrung naturgesetzlich ins Elend herabgedrückt zu werden“ 3}.
Bei all diesen Männern handelt es sich hier um einen Zusammenhang,
 bei dem der Rückgang der Geburtenhäufigkeit in irgendeiner
Weise auf dem bewußten Willen der Menschen beruht. Demgegenüber
 sind aber im Verlauf des 19. Jahrhunderts manche Schriftsteller
aufgetreten, welche die Meinung hatten, daß mit fortschreitender
Kultur und Bildung die Fortpflanzungsfähigkeit abnähme,
daß also schon aus biologischen Gründen sich das Volkswachstum
verringern müsse. Schon Sadler hat in dem oben genannten
Werke die Meinung vertreten, daß aus physiologischen Gründen die
Fruchtbarkeit um so größer sei, je anstrengender der Mensch körperlich
 arbeite *). Die bekanntesten Vertreter einer solchen Auffassung
sind unter den älteren Schriftstellern Doubleday, Jarrold und
H. Spencer. Sie haben gemeinsam, daß sie von allgemein physiologischen
 Erwägungen ausgehend, den Menschen nur als Teil der
ganzen organischen Welt betrachten. Der erstgenannte °) hat die
Behauptung aufgestellt, daß wie auch bei Pflanzen und Tieren, so
auch bei Menschen die.Art und die Menge der Nahrung maßgebend
für die Größe der Fortpflanzungsfähigkeit sei. Je knapper die Ernährung,
 um SO stärker diese Fähigkeit, während eine reichliche
Nahrung im gegenteiligen Sinne wirke. Jarrold hat vor allem

') G. R. Porter, The progress of nation, London 1851, S. 21.
*) Zit. nach Unshelm, a. a. O., S. 32.
’) Über die Quellen der Massenarmut, 1861, S. 12.
‘a. a. O., Bd. 2, S. 583.
') Th. Doubleday, The true law of population, 4 ed., 1853.
            
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