Full text : Bevölkerungslehre

242 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
Zeit vorhanden sind. Diese Lebensmöglichkeiten pflegt man als
Bevölkerungskapazität. oder als. Nahrungsspielraum zu bezeichnen,
Erscheinungen, die im folgenden noch eingehender zu erörtern
sein werden.
Zunächst wollen wir uns jedoch wieder der Frage des Bevölkerungsoptimums
 zuwenden. Es kann sich bei diesen Begriffen
 immer nur um das Verhältnis zum Nahrungsspielraum in
dem einen oder in dem anderen Sinne handeln, keineswegs darum,
wie man früher schon mitunter gemeint hat, ob ein Land im Hinblick
 äuf seine Bodenfläche dünner oder dichter besiedelt ist. Der
Begriff des Bevölkerungsoptimums hat natürlich nur ideellen Wert.
Wir sind nicht in der Lage, festzustellen, ob ein solches Optimum
in einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten Lande vorhanden
 ist; denn wir können uns keine Vorstellung davon machen,
wie sich der Nahrungsspielraum eines Landes, namentlich bei steigender
Volkszahl, weiter zu entwickeln vermag. Denn weder der Nahrungsspielraum
 ‚eines Landes, noch dessen Bevölkerungsoptimum, sind
ein für allemal fest umrissene Größen. Wirtschaftliche Verbesserungen,
 Fortschritte in der Technik, stärkere Verflechtung in
den Weltverkehr, Wandlungen in der gesellschaftlichen Struktur und
Verfassung eines Volkes?), aber auch das Wachstum der Volkszahl
selbst, können den Nahrungsspielraum eines Landes stark erhöhen
und die Geschichte zeigt, daß auch mannigfache Faktoren wirksam
werden können, die imstande sind, den Nahrungsspielraum von einer
gewissen Größe wieder herabzudrücken. . Rappard hat gemeint,
daß in einem Lande das Optimum an Bevölkerung dann vorhanden
sei, wenn eine Vermehrung oder eine Verminderung der Volkszahl
eine Zunahme der mittleren Sterblichkeit zur Folge haben würde,
Diese Lösung scheint mir doch keine so einfache zu sein und den
komplexen Zusammenhängen, um welche es sich hierbei handelt,
nicht gerecht zu werden, Denn Abweichungen von einem solchen
Optimum können sich doch auch in einer Verschlechterung der
Lage auf dem Arbeitsmarkt oder einer solchen in der durchschnittlichen
 Lebenshaltung äußern, ohne daß es deshalb auch nun schon
zu einer ungünstigeren Gestaltung der Sterblichkeit zu kommen
braucht. Es sind das ähnliche Zusammenhänge, wie wir ihnen
wieder bei dem Wesen der Übervölkerung begegnen werden.

?) Vgl. dazu z. B. P, Masslow, Die Agrarfrage in Rußland, Deutsch 1907,

passim,
23) Rappard, a. a. ©.
            
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