Full text : Bevölkerungslehre

i. Kap. Das gegenseit. Größenverhältnis v, Bevölkerung u. Nahrungsspielraum * 251

hinzuweisen. Diese Wirkungen sind namentlich deshalb so schwer
zu übersehen, weil es hierbei auch auf das Maß des Bevölkerungsrückganges
 und auch darauf ankommt, ob das betreffende Land
nicht vorher gewisse Übervölkerungssymptome aufzuweisen hatte.
Es wird auch ganz wesentlich sein, ob sich der Bevölkerungsrückgang
 in dem betreffenden Lande allein vollzieht, oder ob davon alle
anderen Länder mehr oder weniger ebenfalls betroffen sind. Die
Folgen werden ganz andere sein, wenn die Volksabnahme in einem
Lande eintritt, das bereits über seine Kapazität hinaus besiedelt war
oder in einem Lande, das im Hinblick auf seine Produktionsmöglichkeiten
 nur eine relativ dünne Bevölkerung hatte. Man denke nur
an die Unterschiede zwischen Italien und Frankreich. Da bei den
modernen Industriestaaten jedoch im allgemeinen, wie wir noch
sehen werden, von einer Übervölkerung, wenn auch nur in einem
ganz bestimmten und eingeschränkten Sinne, gesprochen werden
kann, so soll dieser Fall der folgenden Betrachtung zugrundegelegt
werden. Dabei sei von den politischen Auswirkungen eines solchen
Bevölkerungsschwundes im Hinblick auf die Bedeutung des betreffenden
 Volkes anderen Völkern gegenüber ganz abgesehen und
das Schwergewicht der Betrachtung nur auf die wirtschaftlichen und
sozialen Auswirkungen einer solchen Entwicklung gelegt.
Wir müssen dabei vielleicht von der Lage eines Landes ausgehen,
das sich wirtschaftlich etwa in derjenigen Deutschlands befindet, also
davon, daß sich in diesem Lande die Ernährung der Bevölkerung in der
Weise vollzieht, daß im Welthandel Fabrikate gegen Rohstoffe und
Nahrungsmittel eingetauscht werden. Mit rückläufiger Volkszahl
wird die Menge der zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte abnehmen.
Setzen wir voraus, daß kein entsprechender Ausgleich durch Mehrverwendung
 von Maschinenarbeit möglich ist, daß auch kein Ersatz
durch Einwanderung stattfindet, so wird ein Mangel an Arbeitskraft
 auftreten, dem aber dann auch ein entsprechender Rückgang
an Absatzgelegenheit auf dem inneren Markt gegenübersteht. Hier
ist es schon unsicher, ob der Mangel an Arbeitskräften sich in der
Industrie oder in der Landwirtschaft stärker zeigen wird. Zwar wird
in einem solchen Falle mit einer verstärkten Einwanderung zu rechnen
sein, so daß damit die oben. dargelegten, ungünstigen Folgen in
nationaler und politischer Hinsicht eintreten können. Aber davon
soll bewußt abgesehen werden, weil bei einem Eindringen fremder
Arbeitskräfte der Bevölkerungsrückgang wirtschaftlich gar nicht
relevant zu werden braucht, also die wirtschaftlichen Wirkungen gar
nicht eintreten würden, auf die hier hingewiesen werden soll. Wenn
            
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