Full text : Bevölkerungslehre

262 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

an Arbeitskräften auftritt. In beiden Fällen handelt es sich um so
vorübergehende, in der Natur unserer Wirtschaftsverfassung und
Wirtschaftsentwicklung liegende Erscheinungen, daß es die Ausdrücke
Über- und Untervölkerung entwerten hieße, wollte man diese Begriffe
 auch für solche Fälle anwenden.
Freilich brauchen diese Erscheinungen, vor allem die der Übervölkerung,
 nicht immer in einer so umfassenden Form aufzutreten,
daß sie sich auf die ganze Wirtschaft und auf alle Gebiete des
sozialen Lebens erstrecken. Es gibt auch partielle Formen der Überund
 Untervölkerung. Das ist in lokaler aber auch in sachlicher
Hinsicht möglich. Immer wieder kann es vorkommen, daß in einem
Lande bestimmte kleinere Gebiete übervölkert sind, ohne daß ein
schneller Ausgleich durch Abwanderung in andere Gebiete dieses
Landes möglich wäre. Vielleicht sind das arme Gebiete mit starker
Zersplitterung der ländlichen Besitzungen, ohne Industrie, vielleicht
auch Gebiete, in denen infolge von Änderungen in der Technik
oder in den Absatzverhältnissen die bisherigen Erwerbsverhältnisse
einen Rückgang erfahren haben ?).
Wohl wichtiger sind aber die Erscheinungen einer partiellen
Übervölkerung, die sich auf bestimmte Erwerbsarten und Berufe
beziehen und bei denen man dann von einer ausgesprochenen
Berufsüberfüllung sprechen kann. Es sei nur an die vielbesprochene
 Überfüllung der gelehrten Berufe erinnert ®), daran, daß
ein Mißverhältnis zwischen dem objektiven Berufsbedarf und der
Menge an Arbeitskraft vorhanden ist, die in diesen Berufen angeboten
 wird. Es handelt sich hier um eine Erscheinung, die in
recht verschiedenen Formen auftreten kann. Einmal ist es möglich,
daß einem zu großen Angebot an Arbeitskraft in dem einen Berufe
ein zu geringes in einem anderen Berufe gegenübersteht, daß es
sich dabei um sozial und im Hinblick auf die Vorbildung ziemlich
gleichartige Berufe handelt, so daß im Laufe der Zeit unschwer
durch Umschulung und Berufswechsel ein Ausgleich möglich ist.
Das wird z. B. dort der Fall sein, wo innerhalb verschiedener Berufe
zwischen sozial mehr oder weniger gleichstehenden Schichten, wie
zwischen Arbeitern, die einer verschiedenen Tätigkeit nachgehen
oder Bankangestellten und Kaufmannsgehilfen. eine solch ungleiche

1) Vgl. dazu H. Ammann, Die Bevölkerungsentwicklung i. d. italienischen
Schweiz, Zürich 1924.
2?) Boose, Über Begriff, Bedingung u. Wirkungen d. Überfüllung d. akadem.
Berufe, Diss., Freiburg 1921. — vy., Degenfeldt-Schonburg, Geist u. Wirtschaft,
1927, S. 190ff.
            
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