Full text : Bevölkerungslehre

1, Kap. . Das gegenseit. Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 261

Übervölkerung dagegen eine solche Dichtigkeit, „welche gegenüber den
vorhandenen Lebensbedingungen und volkswirtschaftlichen Aussichten
als Druck empfunden“ *) wird. Doch schon Schmoller hat hervorgehoben,
 daß es niemals eine absolute Bevölkerung gegeben hat und
auch heute nicht gibt; man wird ihm darin durchaus beistimmen und
sagen müssen, daß ein solcher Begriff der absoluten Übervölkerung
nur gedanklichen, aber keinen praktischen Wert besitzt. Denn wir
können uns kein Bild von den in der Zukunft noch möglichen technischen
 und wirtschaftlichen Fortschritten der Menschen machen,
wir können also auch in keinem Falle sagen, ob eine Übervölkerung
in diesem absoluten Sinne vorhanden ist. Es erscheint dementsprechend
 nur folgerichtig, diesen Unterschied von absoluter und
relativer Übervölkerung überhaupt fallen zu lassen und aus dem dar
gelegten Grunde heute alle Übervölkerungserscheinungen als tem
poräre Übervölkerung zu bezeichnen,
Freilich enthält auch dieser Begriff der temporären Übervölkerung,
trotzdem er für uns heute allein brauchbar ist, in sich nichts Einheitliches.
 Denn darunter kann ein mehr oder weniger langer Zeitraum
 verstanden werden, während dessen eine Übervölkerung vorhanden
 ist und die in diesem Begriff enthaltene Möglichkeit, den
Zustand der Bevölkerung wieder zu überwinden, kann leichter oder
schwerer sein. Wir haben ja oben bereits gesehen, daß man im
allgemeinen dort eine günstigere Prognose zur Überwindung dieses
Zustandes stellen kann, wo die Ursachen der Übervölkerung in einem
Rückgang des Nahrungsspielraumes und nicht in einem zu starken
Wachstum der Volkszahl selbst liegen. Daß für die Überwindung
eines solchen Zustandes der Übervölkerung die wirtschaftliche Stufe
des betreffenden Volkes wesentlich ist, bedarf nach den früheren
Darlegungen darüber keiner besonderen Begründung. Wenn man
also am besten den Ausdruck einer temporären Übervölkerung in
allen Fällen gebraucht, um damit auszudrückem,.. daß sich keine
Gründe finden lassen, darin eine immerwährende, unüberwind;
bare, also absolute Erscheinung zu sehen, so wäre es doch wohl zu
weit gegangen, dabei auch die Erscheinungen mit einbeziehen zu
wollen, die z. B. als Folge eines Konjunkturrückganges
immer wieder. auftreten und den Näahrungsspielraum einer Volkswirtschaft
 vorübergehend verringern können. Es kommen auch immer
wieder die Fälle vor, bei denen sich der umgekehrte Zustand zeigt,
daß in Zeiten einer aufsteigenden Konjunktur ein allgemeiner Mangel

1) Grundriß, 1900, Bd. ı, S. 186.
            
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