Full text : Bevölkerungslehre

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Zweiter systematisch-theoretischer Teil

Es sind also dabei zwei entgegengesetzte Faktoren am Werke,
von denen sich jedoch — um mit Bortkiewicz zu sprechen — „der
an zweiter Stelle genannte fast ausnahmslos als der stärkere gegenüber
 dem an erster Stelle genannten“ erweist!). Wo die Geburtenzahl
 gering ist und zurückgeht und wo die Sterblichkeit ebenfalls
sinkt, da vollziehen sich jedoch Änderungen im Altersaufbau der
Bevölkerung, die höheren Altersklassen nehmen stärker zu und damit
muß eine ungünstige Wirkung auf die Höhe der Sterblichkeit ausgeübt
 werden. Man erkennt diesen Zusammenhang, wenn man, wie
es in der folgenden Tabelle geschieht, den Altersaufbau zweier
Länder mit verschieden hoher Geburtenhäufigkeit einander gegenüberstellt.
 Von 1000 Personen standen in einem Alter von

Unter 10 Jahren
cO bis unter 20 Jahren
20 ” 7
30 ” +
40 »” 1
509 ba 7
60 ” " % + »
”0 lahren und mehr

»

Deutsches Reich Frankreich
(1010) (1911)
234 173
203 166
P4 157
139 148
105 127
yo 103
77
49

Während im Deutschen Reich von 1000 Personen 155 im Alter
von über 50 Jahren standen, betrug der Anteil dieser Altersklassen
in Frankreich 234. Darin liegt sicher einer der Gründe, weshalb die
Sterblichkeit in Frankreich höher ist, als im Deutschen Reich.
Noch deutlicher werden diese Zusammenhänge, wenn man die
Verhältnisse einer stationären Bevölkerung betrachtet, und
so die ideelle Sterbeziffer berechnet %. Man geht dabei davon aus,
daß man eine Bevölkerung annimmt, bei der unter Ausschluß jeder
Ein- und Auswanderung „eine konstante Geburtendichtigkeit und
eine unveränderte Absterbeordnung“ angenommen wird, d. h., daß
auf gleiche Zeiträume immer eine gleiche Zahl von Geburten entfällt
und daß aus den Neugeborenen jedes beliebigen Zeitraums stets die
gleiche Quote ein bestimmtes Alter lebend erreicht. Diese Methode
hat auch Bernouilli in dem oben gegebenen Beispiel eingeschlagen.
So kommt man zu einer ideellen Sterbeziffer, die dem stationären
Zustand einer Bevölkerung entspricht und die nach den Darlegungen

') Bortkiewicz, Bevölkerungswesen, 5. 37.
2) Bortkiewicz a. a. O0. S. 35.
            
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