Full text: Bevölkerungslehre

304 Zweiter systematisch-theoretischer Teil ; 
also auf der einen Seite, wie die zunehmende Volkskraft unsere 
politische Machtstellung‘ stärkt, bewirkt wieder auf der anderen Seite 
durch die dadurch hervorgerufene gesteigerte wirtschaftliche Ab- 
hängigkeit eine Schwächung jener. An dieser Tatsache läßt sich 
grundsätzlich nichts ändern“!). Hat doch gerade der Weltkrieg 
Deutschland des außenbedingten Teiles des Nahrungsspielraumes 
beraubt und es vor die Aufgabe gestellt, bei gleichbleibender Volks- 
zahl seinen Unterhalt aus dessen innenbedingtem Teile zu ziehen, 
Dagegen bedarf das Maß der wirtschaftlichen Sicherheit des 
außenbedingten Teils des Nahrungsspielraumes noch einer etwas 
eingehenderen Besprechung um zu erkennen, von welchen Seiten 
eine Gefährdung desselben eintreten kann. Man hat vor allem eine 
Gefahr darin erblicken wollen, daß diejenigen Länder, die heute die 
Abnehmer europäischer Fertigwaren sind, im Laufe der Zeit selbst 
eine eigene Industrie entwickeln und daß damit die europäische Fertig- 
warenausfuhr, von der heute dort Dutzende von Millionen Menschen 
leben, mehr oder weniger in Fortfall kommt und daß dann die 
Voraussetzungen fehlen, die heute eine so große Volkszahl in zahl- 
teichen europäischen Staaten erst ermöglicht haben ?). 
Diese Auffassung ist schon frühzeitig vertreten worden und sie 
schien dann vornehmlich nach dem Weltkriege ihre Bestätigung zu 
finden, als für zahlreiche europäische Staaten die Ausfuhr nach 
Übersee stark zurückging, weil die bisherigen Empfangsländer euro- 
päischer Fertigwaren selbst vielfach eine eigene Industrie entwickelt 
hatten. Freilich handelt es sich hier um eine Auffassung, die einer 
tieferen Prüfung nicht stand zu halten vermag. Schon D. Hume 
hat den Satz ausgesprochen: „Offenbar kann die einheimische In- 
dustrie eines Volkes durch den größten Wohlstand seiner Nachbarn 
keinen Schaden leiden; und da der Handel in dieser Beziehung in 
einem einigermaßen ausgedehnten Land ohne Zweifel von der größten 
Wichtigkeit ist, so fehlt uns wenigstens in bezug hierauf jeder Grund 
zur Eifersucht. Allein ich gehe weiter und behaupte, daß überall, 
wo unter Nationen ein freier Verkehr herrscht, die einheimische 
Industrie einer jeden durch die Fortschritte der anderen Förderung 
erfahren muß“ 3). 
) Mombert, Bevölkerungspolitik, a. a, O., S. 24. 
?) Vgl. zu dieser pessimistischen Auffassung Wagner, Agrar- u. Industriestaat, 
a. a. O. — Pohle, Deutschland, a. a. O0. — K. Oldenberg, Über Deutschland 
als Industriestaat, 1897. 
3) „Von der Handelseifersucht“. Nationalökon. Abhandl., Deutsch. 1877, S. 55.
	        
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