Full text : Bevölkerungslehre

3. Kap. Der Nahrungsspielraum 393
Von der Möglichkeit einer solchen wirtschaftlichen Entwicklung
hängt es dann aber auch ab, ob ein derartiges Land eine steigende
Volkszahl innerhalb seiner eigenen Grenzen erhalten kann oder ob
ein mehr oder weniger großer Teil dieses Zuwachses als Auswanderer
sich in anderen Ländern Unterhalt und Fortkommen suchen muß,
wie es vor allem in früheren Jahrzehnten in Deutschland der Fall
war. Ob eine solche Verflechtung in die Weltwirtschaft, die dann
in der dargelegten Weise auch den außenbedingten Teil des Nahrungsspielraumes
 entsprechend vergrößert, gelingt, das hängt von mancherlei
Faktoren ab: so von der besonderen wirtschaftsgeographischen Lage
eines Landes, dem Vorkommen geeigneter Rohstoffe, die das Entstehen
 bestimmter Industrien begünstigen, wie namentlich Kohle und
Eisen, aber auch von einer bestimmten Veranlagung der Bewohner
des betreffenden Landes, um nur wenige Punkte hervorzuheben.
Während der Einfluß des Volkswachstums auf die Entwicklung
einer Industrie und auf die Verflechtung in den Weltwirtschaftsverkehr
 also keineswegs eindeutig bestimmt werden kann, liegt der
umgekehrte Zusammenhang wesentlich klarer und einfacher. Wo
die Gaben und die Produktivkräfte der eigenen Heimat nicht ausreichen,
 da kann ein Land, gleiche Lebenshaltung vorausgesetzt, eine
steigende Volkszahl nur ernähren, wenn dieser Austausch von Boden
gegen Arbeit im Welthandelsverkehr gelingt. Ohne eine solch internationale
 Arbeitsteilung ist sonst dem Volkswachstum eine bestimmte
Grenze gezogen, wenn nicht der innenbedingte Teil des Nahrungsspielraumes
 eine entsprechende Ausweitung erfahren kann. Wenn
aber in dieser Weise, gewissermaßen zwangsläufig — denn kein
Land und kein Volk hat sich diesen Weg freiwillig gewählt,
sie sind in diese Entwicklung hineingewachsen — der außenbedingte
 Teil des Nahrungsspielraumes eine immer steigende Bedeutung
 für ein Volk gewinnt, so entstehen damit eine Reihe
wichtiger und ernster Fragen für dieses Volk. Dann kommt es nämlich
nicht mehr allein auf die Größe des ganzen Nahrungsspielraumes
eines Landes an, sondern auch auf seine Dauerhaftigkeit und Sicherheit.
 Es handelt sich hier sowohl um wirtschaftliche wie um
politische Gesichtspunkte und ich kann nur wiederholen, was ich
bereits während des Krieges ausgesprochen habe: „Aus Gründen
unserer nationalen und politischen Selbsterhaltung erstreben wir ein
möglichst starkes Volkswachstum; je mehr wir dieses aber erreichen,
um so mehr sind-wir gezwungen, in zunehmendem Maße Rohstoffe
und Nahrungsmittel aus dem Ausland zu ‘beziehen und damit unsere
wirtschaftliche Abhängigkeit von diesem zu vergrößern. ... Was
            
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