3. Kap. Der Nahrungsspielraum 395
Wohl können durch die Entwicklung von Industrien in Ländern,
nach denen die europäischen Staaten bisher geliefert haben, manch
schwierige Umstellungen und Wandlungen in der Produktionsrichtung
notwendig werden; wenn aber jene Länder eine eigene Industrie
entwickeln, so steigt damit ihr Wohlstand und damit auch ihre
Kaufkraft für fremdländische Erzeugnisse. Es ist in dieser Hinsicht
durchaus dem zuzustimmen, was neuerdings Eulenburg darüber
gesagt hat: „Nur reiche und aufsteigende Länder sind aufnahmefähig
und können für die Dauer Absatzmärkte bilden, nicht ausgebeutete
. . .“ „Das Außenhandelsvolumen jedes Landes kann
darum nur in dem Maße zunehmen, als die fremde Volkswirtschaft
sich entwickelt. Das gilt erst recht von den Agrarstaaten, die gerne
als Lieferanten bestimmter Grundstoffe angesehen werden, denen
man aber gleichzeitig selbständige Entfaltung absprechen möchte.
Die Hebung der Produktivkräfte im eigenen Lande bedeutet jedoch
die stärkere Verflechtung in die Weltwirtschaft . . . Darum
schafft auch die Hebung der produktiven Kräfte in fremden Ländern
Absatzmöglichkeiten und Aufnahmefähigkeit für ‘das eigene. Das
Schauspiel widerholt sich immer von neuem: Deutschland und die
Vereinigten Staaten gegenüber dem früheren England; Rußland, die ostasiatischen
Länder und die englischen Kolonien gegenüber den bisherigen
Industriestaaten. Jedesmal erheben sich neue Angstrufe, die
sich sehr bald als gegenstandslos erweisen“ *).
Wenn also von dieser Seite her dem außenbedingten Teil des
Nahrungsspielraumes auf die Dauer keine Gefahr drohen kann, so
ist dies viel eher von der Seite der Einfuhr her möglich. Wir
haben oben gesehen, daß in den bisherigen Agrar- und Rohstoffländern
das Gleichgewicht der Produktionselemente in dem Sinne
fehlt, als hier die Arbeitskraft nicht genügt, um alle vorhandenen
Gaben des Bodens auszunützen und selbst zu verarbeiten. Das muß
sich natürlich ändern, wenn die Volkszahl in diesen Gebieten zunimmt.
Denn Industrialisierung der bisherigen Agrarstaaten bedeutet
nicht nur die Entwicklung einer eigenen Industrie, sondern
auch die wachsende Unmöglichkeit, Roh- und Nahrungsstoffe in dem
bisherigen Ausmaß an andere Länder im Austausch abzugeben.
Wenn eine Entwicklung dieser Art einsetzt, dann kann dadurch
die Versorgung der europäischen Industriestaaten mit Roh- und
Nahrungsstoffen einmal in Frage gestellt werden. Es sei. hier nur
darauf hingewiesen, daß Deutschland bis zur Mitte der siebziger Jahre
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