4. Kap. Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang usw. 443
manches gesagt worden ist, ein Programm, das aber heute mangels
entsprechender Vorarbeiten noch nicht in befriedigender Weise aus-
gefüllt werden kann. Nur zwei besonders wichtige Probleme sollen
im folgenden eine gesonderte und eingehendere Behandlung finden.
2. Der Nahrungsspielraum im sozialen Sinne. — Wir
haben im Vorangegangenen immer wieder gesehen, welch enger
Zusammenhang zwischen Volkswachstum und Nahrungsspielraum
besteht. Auf der einen Seite bildet in aller Geschichte die Zu-
nahme der Bevölkerung die stärkste Triebfeder zur Erweiterung des
Nahrungsspielraumes und umgekehrt war dann immer wieder dessen
Ausweitung die Voraussetzung eines weiteren Volkswachstums. Es
handelt sich also dabei um die allerengsten Wechselwirkungen.
In diesem Sinne ist bisher der Nahrungsspielraum immer als eine
festbestimmte, objektive Größe aufgefaßt worden. Es handelt
sich dabei um die Gütermenge, über welche die Bevölkerung eines
wirtschaftlichen Gebietes ohne Beeinträchtigung ihrer Vermögens-
lage frei verfügen kann, also um eine Größe, die im wentlichen
mit dem Volkseinkommen zusammenfällt *).
Änderungen in den Größenverhältnissen von Volkszahl und
Nahrungsspielraum zeigen sich dann in den Wandlungen der durch-
schnittlichen Lebenshaltung. Je nachdem die erstere in stärkerem
oder schwächerem Maße zunimmt als es bei dem Nahrungsspielraum
der Fall ist, wird die Lebenshaltung steigen können oder sinken
müssen. Dabei waren die Zusammenhänge in der Vergangenheit
immer so — das hat vor allem Malthus mit besonderer Schärfe
hervorgehoben und das zeigt auch die Bevölkerungsentwicklung in
früheren Zeiten — daß das Wachstum der Volkszahl in entschei-
dender Weise von der Größe und Entwicklung des Nahrungsspiel-
taumes beeinflußt worden ist, sowohl im Sinne der repressiven, wie
der präventiven Hemmnisse im Sinne von Malthus.
Diesem Einfluß des Nahrungsspielraumes auf das Volkswachstum
widerspricht es keineswegs, daß das Volkswachstum selbst in aller
Geschichte mit der stärkste Faktor war, der an der Ausweitung des
Nahrungsspielraumes mitgeholfen hat.
Mit der Gegenüberstellung von Volkszahl und Nahrungsspiel-
raum in dem bisherigen. Sinne ist das Problem jedoch nur z. T.
umrissen. Aus den Größenverhältnissen beider ergibt sich für ein
Volk eine bestimmte durchschnittliche Lebenshaltung, die im Laufe
der Geschichte erheblichen Wandlungen unterworfen war und, in
1 Winkler, Art. „Volkseinkommen“, Handwörterb. d. Sfaatswissensch.