Full text: Bevölkerungslehre

3. Kap. Das Altertum 
45 
Ursache nur in einem zu starken Wachstum der Bevölkerung gehabt 
hätte. An Stelle der freien Bauern waren in der späteren Kaiserzeit 
die Kolonen getreten, Kleinpächter, die ihr Land gegen eine Abgabe 
an den Großgrundbesitzer bebauten. Infolge der hohen Pachten, zu 
denen auch noch Frohndienste kamen, war ihre Lage so elend, daß 
sich immer weniger Pächter fanden. Gerade diese Art der Agrarver- 
verfassung hat zur Entvölkerung des flachen Landes und der Über- 
völkerung der Hauptstadt besonders stark beigetragen. „Da nun 
aber das Angebot der freien Arbeiter, welche Kleinpächter werden 
wollten, immer geringer wurde, und das Bedürfnis nach gewerblicher 
Produktion noch auf einer so niedrigen Stufe stand, daß diese einen 
Bevölkerungsüberschuß nicht versorgen konnte, der auf dem von 
den Grundbesitzern monopolisierten Lande nicht unterkam und 
weder im Kriege durch Sold und Beute, noch sonst vom Staate 
sich ernähren konnte, ermöglichte die Landflucht nicht, wie im Zeit- 
alter der Industrie, ein Anwachsen der industriellen Produktion, 
sondern ein Zurückgehen der Gesamtproduktion und wirkte dadurch 
auf die Bevölkerungszahl zurück. Die Volkszahl innerhalb des 
römischen Reiches nahm in erschreckendem Maße ab. So überfüllt 
die Großstädte waren von Leuten, die von allen Seiten zusammen- 
kamen, um sich auf Kosten des Staates ernähren zu lassen, so leer 
wurde das Land und die Bevölkerung hatte nicht mehr die Kraft, 
die Katastrophen, welche sie seit der zweiten Hälfte des 2. und 
namentlich im 3. Jahrhundert trafen, wie Pest und Krieg, durch 
größere Vermehrung wettzumachen“ Ve 
Die eben erwähnte Gesetzgebung des Kaisers Augustus hat 
ihr Ziel nicht erreichen können. Das alteingesessene römische 
Bürgertum ging an Zahl immer mehr zurück; an seine Stelle traten 
mehr und mehr die Nachkommen von Sklaven und fremde An- 
Siedler. Dabei sei es dahingestellt, ob nach der Meinung Seecks 
in diesem Prozeß die Hauptursache des Untergangs der Antike zu 
suchen sei. Mag dieser Faktor auch noch so bedeutsam gewesen 
SEIN, SO dürfen wir zur Erklärung historischer Wandlungen nicht 
nur auf einen Faktor als Ursache zurückgehen. Wir dürfen nament- 
lich nicht außer acht lassen, daß sich in der Geschichte Spätroms, 
ähnlich wie im Ausgang der griechischen Geschichte, tiefgreifende 
wirtschaftliche Wandlungen vollzogen haben, die den Nahrungsspiel- 
raum des römischen Italien ungünstig beeinflussen mußten. Aller- 
') L. M. Hartmann, Der Untergang der antiken Welt, Weltgeschichte a. a, O., 
3. Bd., Römische Geschichte, 1919, S, 21€,
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.