Full text : Bevölkerungslehre

Erster geschichtlicher Teil

Die Zahl des Volkes war am Schlusse der Völkerwanderung
jedenfalls sehr gering. Man darf wohl annehmen, daß die starken
Wanderungen und die blutigen Kriege in den ersten nachchristlichen
Jahrhunderten zunächst wohl zu einer Abnahme der Bevölkerung
geführt haben. Es fehlt jede Möglichkeit, uns ein genaueres Bild
von dem Volkswachstum in Deutschland in den ersten Jahrhunderten
nach Abschluß der Völkerwanderung zu machen. Was an Quellen
und Beobachtungen für diese Zeit vorliegt, kann uns für die damaligen
Bevölkerungsverhältnisse nur ganz dürftige Anhaltspunkte geben.
Für das Moselgebiet hat Lamprecht!) auf Grund der in den erhaltenen
 Urkunden erwähnten Ortschaften für die Zeit um etwa
800 eine Schätzung der Volkszahl und ihres Wachstums versucht,
Er kam zu einer Volksdichte, von 1,5 auf einen Quadratkilometer
und für die nächsten Jahrhunderte zu einer Zunahme in diesem Gebiet,
 wie sie sich in der folgenden Zahlenreihe wiederspiegelt. Es
betrug das Wachstum in Prozent im Jahresdurchschnitt

800— 900 Ay1
900—1000 0,3
LO00—1050 0,47
1050—1100 0.7
1100—1150 9,5
1150-—1200 0,4
[200—1237 0,35

Freilich handelt es sich hier um Feststellungen, deren Grundlagen
 so unsicher sind, daß sie nicht mehr als ganz grobe Anhaltspunkte
 geben können. Denn es hängt natürlich durchaus vom
Zufall der Überlieferung ab, wann ein Ort in den Urkunden zuerst
Erwähnung gefunden hat. Schon allein die geringe, von Lamprecht
 für dieses Gebiet gefundene Dichte der Bevölkerung muß
zur allergrößten Vorsicht mahnen. Auf Grund von dem Vorkommen
von Namen in St. Galler Urkunden kommt G. Caro?) für die Gebiete
 des großen Thurgaus, der heute etwa die siebzigfache Einwohnerzahl
 birgt, auf eine solche von 10000 Personen für die damalige
 Zeit. Für Frankreich steht uns in dem Polyptychon des
Abtes Irmino ein Verzeichnis der Güter eines Pariser Klosters etwa
aus dem Anfang des 9. Jahrhunderts zur Verfügung und man ist
für die Besitzungen dieses Klosters, die einen Flächenraum von
370 akm umfaßten, zu einer Bevölkerungsdichte von 30 Menschen

1) Deutsches Wirtschaftsleben im Mittelalter, ı, 1886, 3. Abschnitt.
2?) G. Caro, Zur Bevölkerungsstatistik der Karolingerzeit, In „Beiträge zur
älteren deutschen Wirtschafts- und Verfassungsgeschichte‘*‘, 1905.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.