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4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 83
mannsstand, von wachsendem Reichtum und von einer ganz ge-
waltigen Zunahme der Geld- und Kreditgeschäfte hören. Der Handel
erfährt jetzt eine starke Zunahme, wir begegnen Ringbildungen,
Monopolisierungsversuchen in ganz beträchtlichem Umfang. Aber
diese Entwicklung im Handel ist in hohem Maße von zwei Fak-
toren begleitet, die für den vorliegenden Zusammenhang zu denken
geben.
Die Zeit ist voll von Klagen über die Aufkäufer, über den
Wucher der Kaufleute und mag auch zu diesen Klagen vor allem
die damalige Preissteigerung, deren Zusammenhang mit der Edel-
metallvermehrung jene Zeit noch nicht erkannt hat, viel beigetragen
haben, so dürfen wir doch deshalb nicht all das, was wir aus jener
Zeit über Wucher und Preistreiberei hören, achtlos beiseite schieben.
Soweit das aber zutrifft, muß eine solche Entwicklung unvermeidlich
zu einer Senkung der Reallöhne und einer Verminderung des
Nahrungsspielraumes, namentlich für die mittleren und unteren
Schichten der Bevölkerung, beigetragen haben. Das zweite jedoch,
das bei diesem Wachstum des Handels in Frage kommt, ist dies,
daß er im Gegensatz zu früher in weit höherem Maße an ausländischen
Geschäften beteiligt ist. Schon oben wurde davon gesprochen, daß
der Kapitalexport, wie er damals stattfand, das deutliche Anzeichen
für die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage ist. Es ist genau
das gleiche, wenn wir jetzt davon hören, daß in dieser Zeit des
Frühkapitalismus sich die großen deutschen Kaufleute an Unter-
nehmungen im Ausland — es sei nur an diejenige der Welser in
Venezuela erinnert — beteiligen. Daß dort, wo, wie in dieser Zeit,
Handels-, Geld- und Kreditgeschäfte an Umfang zunehmen, auch
Not und Armut bei anderen Schichten der Bevölkerung gestiegen
‚st, bedeutet also keinen Widerspruch.
Um zusammenzufassen, kann man also für diese Zeit auf Grund
zahlreicher Symptome auf eine Verengerung des Nahrungs-
spielraumes in Deutschland schließen. Es waren in hohem Um-
fange „strukturelle“ Veränderungen, die nach dieser Richtung hin
wirksam gewesen sind. Diese Wandlungen nach der ungünstigen
Seite hin waren in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts noch relativ
schwach, um aber von da ab ganz erheblich an Stärke zuzunehmen.
Bei Ausbruch des 30 jährigen Krieges kann man also bereits von
siner erheblichen Verschlechterung in der Lage der deutschen Volks-
wirtschaft sprechen. Freilich war dieser Rückgang des deutschen
Wirtschaftslebens, darauf muß man achten, in den verschiedenen
deutschen Gebieten keineswegs gleichmäßig. Er zeigte sich stärker
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