Full text : Bevölkerungslehre

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im Süden und im Westen als in den östlichen Gebieten Deutschlands.
Es ist die Zeit, in der wir in vielen Gegenden von Wüstungen,
von eingegangenen Ansiedelungen und verödeten Landgemeinden
hören !). Dabei handelt es sich um eine Entwicklung, die z. T.
schon früher eingesetzt hat und sich auch noch auf die folgenden
Jahrhunderte erstreckt. Selten waren kriegerische Ereignisse an
diesen Wüstungen schuld, in der überwiegenden Regel hat es sich
vielmehr darum gehandelt, daß zahlreiche Ortschaften infolge wirtschaftlicher
 Ungunst eingegangen sind, „weil sie auf unfruchtbarem
Boden lagen oder unter einem schlechten Klima zu leiden hatten,
so daß der Ertrag der Hände Arbeit nicht lohnte und die Bewohner
gezwungen waren, die Heimat zu verlassen und anderswo ihr Glück
zu suchen“?). Auch solche Vorgänge sind nicht anders denkbar,
als daß sich lokale Wandlungen in der Größe des Nahrungsspielraumes,
 vielleicht gegenüber einer steigenden Volksdichte, vollzogen
haben, die zur Aufgabe alter, nicht genügend ertragreicher Siedelungen
 zwangen. Die von Grund vertretene Ansicht, als ob die
Wüstungen im Wiener Wald und Wiener Becken auf eine schwere
Wirtschaftskrise am Ausgang des Mittelalters entstanden seien, hat
keinen Anklang gefunden ®). Umso wichtiger sind jedoch die von
ihm mitgeteilten Tatsachen.
Man hat schon darauf hingewiesen *), daß auch wohl die
Städte einen Einfluß auf dieses Eingehen ländlicher Siedelungen ausgeübt
 haben; denn man könne beobachten, daß die Zeit des Eingehens
 solcher Dörfer gleichzeitig eine Zeit ist, in der die Städte
zunehmen. Es würde sich also dabei wenigstens teilweise um
Wanderungserscheinungen handeln. „Es scheinen also“ — so hat
man schon gemeint — „in der Bevölkerungsgeschichte Mitteleuropas
gleich mächtigen Atemzügen Zeiten miteinander abzuwechseln, in
denen die Bevölkerung die Tendenz hat, sich in möglichst großer
Zahl über das ganze Land zu verbreiten und dieses möglichst in
Kultur zu nehmen und solche, in denen sie von dem Streben beherrscht
 wird, sich auf wenige Linien und Punkte anzuhäufen,
während das Land in seiner Bevölkerungszahl abnimmt oder verhältnismäßig
 langsam zunimmt °).“
1) Aus d. großen Literatur sei vor allem hervorgehoben J. Lappe, Die
Wüstungen d, Provinz Westfalen, Bd. 1. Die Rechtssgeschichte d, wüsten Marken, 1916,
2) Lappe, a. a. O., 5. 15.
3) A, Grund, Die Veränderungen d. Topographie im Wiener Wald u. Wiener
Becken, 1901.
4) Schlüter, Die Siedelungen im nordöstl. Thüringen, 1903.
5) Schlüter, a. a. O., S. 209.

Erster geschichtlicher Teil
            
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