4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 85
Es liegt an dem Mangel an Quellen, daß wir uns kein genaues
Bild von dem Einfluß machen können, den die dargelegten Wand-
lungen in der Größe des Nahrungsspielraums, die sich doch auch
stark auf den Arbeitsmarkt auswirken mußten, auf die Volkszahl
selbst gehabt haben. Nur für Zürich liegen, wenn auch für ältere
Zeiten, derartige Untersuchungen vor, die uns ein Bild solcher Zu-
sammenhänge geben können‘). Wenn diese Untersuchungen sich
auch auf die Mitte des 14. Jahrhunderts beziehen, so geben sie doch ein
deutliches Bild davon, in welcher Weise sich damals der Nahrungs-
spielraum ändern konnte und wie derartige Wandlungen auf die
Volkszahl wirkten. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts ging der
Absatz der für das Ausland arbeitenden Züricher Gewerbe stark zurück.
Die Wirkung davon ist recht bald eine Abnahme der Bevölkerung
in der Stadt Zürich. Der seit dem Ende des 16. Jahrhunderts wieder
eintretende große Bevölkerungszuwachs ist dann vor allem die Aus-
wirkung der jetzt mächtig aufblühenden Textilgewerbe. Die engen
Beziehungen, die wir in dieser Stadt während zweier Jahrhunderte
zwischen Volkszahl und Nahrungsspielraum beobachten können, er-
lauben den Schluß, daß die Verhältnisse in anderen Städten in dieser
Zeit analog gewesen sind und daß auch hier durch Ab- und Zu-
wanderung die Volkszahl in hohem Maße auf Veränderungen im
Nahrungsspielraum und in der Beschäftigungsmöglichkeit reagierte.
Es ist freilich bekannt, daß für die Stärke der Wanderbewegung
sowohl die Lage des Ab- wie die des Zuwanderungsgebietes in die
Wagschale fällt. Bei der Lage des deutschen Wirtschaftslebens
während des 16. Jahrhunderts erscheint es nun nicht wahrscheinlich,
namentlich wenn wir die Lage auf dem Lande im Auge haben, daß
eine stärkere Abwanderung aus den Städten möglich war, wenn
sich dort die wirtschaftlichen Verhältnisse verschlechterten. Wir
dürfen vielmehr — in erster Linie aus der Menge der Armen, von
denen uns in dieser Zeit berichtet wird — darauf schließen, daß
gerade in den Städten sich nicht allzu selten Stauungen von Be-
schäftigungslosen vollzogen haben.
Pöhlmann”?) hat einmal gemeint, daß sich in Griechenland
aus den „sozialen und ökonomischen Übelständen im engen Raum“
„der Widerstand gegen eine ungünstige oder unbillige Raumyverteilung“
und die Entstehung bodenreformerischer und agrarsozialistischer
Tendenzen mit psychologischer Notwendigkeit ergeben habe. Ähn-
lı W. Schnyder, Die Bevölkerung d. Stadt u. Landschaft Zürich vom 14. bis
zum 17. Jahrhundert. Studien, Bd. 14, 1925, S. 103,
*) Geschichte d. sozialen Frage, a. a. O0. Bd. ı, S. 49.