Religion und Wissenschaft,
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zeugung der Gottheit jeder Zweifel und jede Zweideutigkeit.
Die mathematischen Charaktere, in denen sie verfasst ist,
schliessen jede willkürliche Auffassung, jede Umdeutung nach
den zufälligen Wünschen und Zwecken des Individuums aus.
„Warum sollen wir in der Erkenntnis des Alls und seiner Teile
eher mit der Erforschung der Worte Gottes, als mit der seiner
Werke beginnen; — oder ist vielleicht das Werk weniger
edel und vorzüglich als das Wort“?®) Wenn die Naturphilo-
sophie noch in Campanella, um sich die Möglichkeit ihres Ob-
jekts und ihrer Betrachtungsart zu sichern, das Wort von der
„doppelten Offenbarung“ prägen musste, so ist hier selbst dieser
Parallelismus beseitigt. Von der Nebenordnung ist zur Unter-
ordnung, von dieser zur völligen Sonderung der Gebiete fort-
geschritten. Alle Wahrheit von Tatsachen fällt der Gerichts-
barkeit des wissenschaftlichen Begriffs anheim, während die Auf-
gabe der Religion und ihrer Urkunden einzig in die Vermittlung
der sittlichen „Heilswahrheiten“ gesetzt wird. Mit dieser Abgren-
zung erst sind die verschiedenen Richtungen und Vermögen des
Bewusstseins zur inneren Uebereinstimmung gebracht, ist die un-
verbrüchliche Einheit und Notwendigkeit des Intellekts selbst
verhürgt.‘) Die Behauptung des Copernikanischen Weltsystems
wird für Galilei gleichbedeutend mit der Selbstbehauptung der
Vernunft.
Diese Rückwirkung der neuen Weltansicht auf das Selbst-
bewusstsein des Individuums stellt sich am deutlichsten in der
Persönlichkeit und den Werken Giordano Brunos dar.
Es ist nicht, wie zumeist angenommen wird, der allgemeine
Begriff der Natur und ihrer exakten wissenschaftlichen Erkennt-
nis, die Bruno zum Vorgänger Keplers und Galileis stempelt. So
wichtig und entscheidend seine Gedanken für die Reform der
Kosmologie sind, so handelt es sich doch in ihnen nur um neue
Grundtatsachen, nicht um eine völlig veränderte Richtung der
Betrachtung und Forschung. Der moderne Begriff der mathe-
matischen Kausalität bleibt Bruno fremd. Wir sahen, wie
dieser Begriff und mit ihm die Möglichkeit der wissenschaftlichen
Mechanik erst in der strengen Scheidung entsteht, die Kepler
zwischen „geistigen“ und „natürlichen“ Ursachen, zwischen Seelen-
begriff und Kraftbegriff vollzog. (S. ob. S. 271 ff.) Für Bruno da-