132
II. Der Geldmarkt.
Die selbständige Zinsbildung des prioatsatzes und Effektenkredits
hat für die Notenbankpolitik drei bedeutsame Nonsequenzen. Tiefer
Report- und Ultimogeld-, teilweise auch tiefer Privatsatz vermögen
die Absicht der Notenbank, durch hohe Rate im Interesse der Handels
bilanz preisdrückend zu wirken, zu durchkreuzen, wenn der privatsatz
unter jenem des Auslands bleibt, dann vermag auch eine gegenüber
dem Ausland höhere Bankrate nicht auf die Wechselkurse einzuwirken,
für die mit Rücksicht auf die Qualität der Akzeptanten der Privatsatz
ausschließlich zur Anwendung kommt. Bei starker Spannung zwischen
Bank- und privatrate werden endlich eine Reihe von Letriebskrediten
in §orm des Akzeptkredits — durch Ziehung der Industriefirmen auf die
Banken — aufgenommen, die dann bei Verringerung der Differenz
in Diskontkredite umgewandelt werden,' in jenen Reichen, in welchen
die Notenbank rediskontiert, werden in Depressionsjahren undinZahres-
zeiten der Geldflüssigkeit namhafte Nreditmengen in Form von Akzept-
kredit gegeben, die dann bei Zoctschreiten der Nonjunktur und an den
schwereren Iahresterminen der Notenbank zur Last fallen. Die Zentral
bank läuft dadurch in geldflüssigen Zeiten Gefahr, die Fühlung mit dem
Geldmarkt zu verlieren und bekommt in Tagen der Anspannung viel Wech
selmaterial von Zirmen herein, mit denen sie nicht regelmäßig, sondern
nur bei Zusammenschnürung des Marktes arbeitet und deren finanzielle
Verhältnisse sie darum nicht mit voller Sicherheit beurteilen kann.
Ihr Goldvorrat, ihre Organisation ist auf den Maximalbedarf einge
richtet, bei der zunehmenden Bedeutung der Nreditbanken aber ver
größert sich die Spannung der Ausnützung der Notenbank immer mehr.
Mährend noch in den fünfziger und sechziger Iahren des vorigen Zahr-
hunderts die Bank von England und die Bank von Frankreich in Nrisen-
zeiten langsichtige Wechsel zurückwiesen, wehren sich gegenwärtig die
Zentralbanken gegen die Verwendung als bloße Einziehungsstellen,
die ihnen die Nreditbanken in Zeiten billigen Geldes zudenken und
bemühen sich eifrig um möglichst lange Sichten. Die Notenbanken der
wirtschaftlich führenden Staaten des Nontinents gleichen immer mehr
Gebirgseisenbahnen, deren Anlagen hohem Verkehr zweier Sommer
monate angepaßt sein müssen, während in der übrigen Zahreszeit
die Bahnsteige menschenleer sind und der fünfte Teil des Betriebs
materials für die Bewältigung des Verkehrs voll ausreichen würde.
Bei weiterem Wachsen der Spannung der Inanspruchnahme ist für
manches Institut — vornehmlich die Reichsbank — die Zeit nicht mehr
ferne, in der bei flüssigen Geldverhältnissen die Zahlung auch nur einer
bescheidenen Dividende auf die Anteile gefährdet ist.