Kapitel IV. Die Anarchisten,
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wirkliche Verbindung der Menschen untereinander ausmacht, wie dies
die Privilegierten sich vorstellen, der Zwang (der nur notwendig ist,
um ihre Privilegien zu verteidigen), sondern gerade dieser tiefe
Instinkt der gegenseitigen Hilfe und des wechselseitigen Verstehens,
dessen Macht und Kraft man verkennt. „In der menschlichen Natur“,
sagt Kropotkin, „gibt es einen Kern sozialer Gewohnheiten, ein Erbe
der Vergangenheit, das man noch nicht gebührend gewürdigt hat;
diese Gewohnheiten beruhen nicht auf Zwang; sie sind stärker als
jeder Zwang 1 ).“
Weit davon entfernt, diesen sozialen Instinkt zu schaffen, setzen
die Gesetze ihn voraus. Nur auf ihm fußend können sie angewendet
werden, und sie kommen außer Gebrauch, wenn er sie nicht länger
anerkennt. Weit davon entfernt, diesen Instinkt zu entwickeln,
setzt die Regierung sich im Gegenteil mit ihm durch ihre starren und
stereotypen Einrichtungen in Widerspruch und zieht ihm Grenzen,
die seine volle Entfaltung verhindern. Die Befreiung des Indivi
duums von äußerem Zwang bedeutet daher auch die Befreiung der
Gesellschaft; sie gibt ihr ihre ganze Bildsamkeit zurück und befähigt
sie, beständig die neuen Formen anzunehmen, die am besten dazu ge
eignet sind, das Glück und den Wohlstand des Menschengeschlechts
zu verbürgen -). In seinem prächtigen Buch Gegenseitige Hilfe
häuft Kropotkin die Beispiele dieses Instinktes der Soziabilität und
verfolgt seinen Ursprung und seine verschiedenen Formen in zahllosen
wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, pädagogischen, sportlichen und
hygienischen Gruppen, in Anstalten der Wohltätigkeit des modernen
Europas, in dem Zunftwesen und dem städtischen Leben des Mittel
l ) Kropotkin, Autour d’une vie, S. 414. Vgl. auch: Paroles d’un
ßevolte, S. 221 ff.
a ) Dieser Gedanke wird von Reclds und Kropotkin häufig ausgedrückt.
„Die Tatsache allein, das mehr oder weniger zusammenhanglose Ganze der
heutigen politischen, religiösen, moralischen und sozialen Auffassungen eingerichtet,
geregelt, in Paragraphen gefaßt, mit Zwangsmitteln, Strafen, Polizisten und Ge
fängniswärtern eingerahmt zu haben, um sie so den Menschen von morgen aufzu-
Wingen, diese an und für sich widersinnige Tatsache kann nur widerspruchsvolle Folgen
haben. Das Leben, stets unvorhergesehen, stets erneuert kann sich nicht mit Be
dingungen abfinden, die eine Zeit ausgearbeitet hat, die nicht mehr ist“ (ElisAe
Krclüs, op. cit., S. 108—109).
Kropotkin sagt (L’anarchie, sa Philosophie, son ideal, 1896, S. 17
und 18): „Die anarchistische Gesellschaft ist eine Gesellschaft, der die vorbestimmten
im Gesetz kristallisierten Formen widerstreben, die die Harmonie in dem stets
Wechselnden und flüchtigen Gleichgewicht zwischen der Menge der verschiedenen
Kräfte und Einflüsse jeder Art sucht, die ihrer eigenen Bahn folgen, Kräfte und Ein
flüsse, die gerade, weil sie sich dann frei am hellen Licht des Tages auswirken und
ihr gegenseitiges Gleichgewicht erreichen können, die Energien zu wecken vermögen,
die ihnen auf ihrem Wege zum Fortschritt günstig sind.“