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Bildende Kunst.
ihrer Höhe weit herabgesunken. Wo huldigten ihnen noch
große Künstler wie einstens Dürer und Rembrandt? Teilweis
schon seit Marcanton, erst recht dann seit der Zeit der Rubens—
stecher und ihrer Nachfolger im 18. Jahrhundert hatten sie,
nun Sklavinnen des Pinsels und Meißels, zumeist der Re—
produktion von Kunstwerken der Malerei und Bildnerei gedient
und demgemäß illustrativen Charakter angenommen. Und das
war im 19. Jahrhundert noch schlechter geworden. Zwar der
Linienkupferstich hielt sich in der Wiedergabe der größten
Meisterwerke der Malerei ungefähr noch auf alter Höhe, aber
für die einfache Illustration traten Lithographie, Holzschnitt
und auch der unkünstlerische Stahlstich so vernichtend in Wett—
bewerb, daß die Radierungen fast ganz, der Kupferstich beinahe
oerschwanden.
Sollten demgegenüber beide Techniken wieder Gefäße künst—
lerischen Schaffens werden, so bedurfte es der Loslösung von
der Illustration und des Eintritts eines Augenblicks, in dem
sie zugleich berufen erschienen, der allgemeinen entwicklungs—
geschichtlichen Richtung des malerischen Auges zu besonders
leichtem Ausdruck zu verhelfen. Dieser Moment kam mit dem
Impressionismus, wenigstens für die Radierung: denn keine
andere Schwarzweißtechnik ist auch nur annähernd in gleicher
Weise wie sie imstande, das Licht in dem bloßen Gegensatze
zweier Farben lebendig zu machen.
Klinger ist in deutschen Landen der größte Meister der
neuen Kunst, die damit möglich ward. Und schon sehr früh,
zwanzigjährig, begann er von ganz bestimmten Gesichtspunkten
her in ihr zu schaffen. Er selbst hat später in seinem 1891
geschriebenen, 1893 veröffentlichten Büchlein über die Griffel—
kunst ausgeführt, was ihm vor allem als Vorzug der Radierungs—
kunst erscheint: die Möglichkeit, schärfste Gegensätze von Licht
und Schatten bis zur Darstellung von direktem Licht und
direkter Dunkelheit herauszuarbeiten; die Freiheit zu scharfer
Betonung des Rhythmus und der Bewegung, und dadurch der
Handlung, auf dem Wege zeichnerischen Umrisses; die Mög—
lichkeit, ohne definierten Hintergrund darzustellen; das leichte