198 Der prolet. Klassenkampf zur Unterstützung des kolonialen Freiheitskamp.fes.
Diese Resolution appelliert an die Arbeiterklasse Europas zum Streik und
zwar mit folgenden Worten:
Resolution.
Der Kongreß gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus ist der Ansicht, daß
die kapitalistische Kolonialpolitik ihrem innersten Wesen nach zur Knechtung, Zwangsarbeit
und zur Ausrottung der eingeborenen Bevölkerung der Kolonialgebiete führen muß. Die zi-
yilisatorische Mission, auf die sich die kapitalistische Gesellschaft beruft, dient ihr nur als
Deckmantel für die Eroberungs- und Ausbeutungsgelüste.
Der Imperialismus ist keine Zufallserscheinung, von der sich der Kapitalismus aus freien
Stücken lossagen kann. Er ist vielmehr geschichtlich bedingt. Das in den kapitalistischen
Mutterländern wirtschaftlich und politisch ausschlaggebende Finanzkapital erreicht einer-
seits schon durch direkte Ausbeutung der eingeborenen Arbeiter Extraprofite; anderer-
seits heimst es infolge der Beherrschung der Rohstoffquellen Monopolprofite ein.
Die überwältigende Mehrheit der Arbeiterschaft in den imperialistischen Ländern hat
an diesen Extraprofiten, von denen das Finanzkapital einer dünnen Oberschicht des Prole-
tariats einen kleinen Bruchteil hinwirft, keinen Anteil. Die eigene Lage des Proletariats
der Mutterländer wird vielmehr in hohem Maße durch die schrankenlose Ausbeutung der
Kolonialarbeiterschaft verschlechtert. Dies geschieht nicht nur direkt auf dem Wege des
Lohndrucks vermittels eingewanderter Kolonialarbeiter, sondern in einem noch schlimmeren
Maße indirekt, in Auswirkung der raschen Industriealisierung eines Teiles der Kolonial-
gebiete. Es gibt heute in den Kolonialgebieten bereits annähernd 20 Millionen Berg-, In-
dustrie- und Transportarbeiter, also ein Arbeiterheer, größer als die Masse der gesamten
Arbeiterschaft Großbritanniens.
Gegenwärtig haben wir es mit zwei Hauptgruppen imperialistisch ausgebeuteter Kolo-
nialgebiete zu tun:
x. Völlig unterjochte, durch ‚das ‚„Mutterland“ vermittels seiner Beamten beherrschte
Länder;
2. Nominell unabhängige, aber durch aufgezwungene Staatsverträge in tatsächlicher
Abhängigkeit von den imperialistischen Mächten gebrachte, aber deswegen nicht weniger aus-
gebeutete Länder.
Wirkliche nationale Selbständigkeit bedeutet, daß ein Volk über sich und seine Produk-
tivkräfte frei verfügen kann. Es ist bezeichnend, daß sogar ein so reiches Land wie Mexiko,
das doch gegenüber den anderen, vom Imperialismus abhängigen Ländern in einer verhält-
nismäßig günstigen Lage ist, nur über einen Bruchteil seines Nationalreichtums selbst ver-
fügt, während, selbst nach der Feststellung der mexikanischen Regierung, zwei Drittel des
Nationalvermögens sich in den Händen des ausländischen Kapitalismus befindet.
In grundsätzlicher Gegnerschaft gegen all diese verschiedenartig abgestuften Formen
der kolonialen Unterdrückung und Ausbeutung, verlangt der Kongreß, daß das Selbstbestim-
mungsrecht der Völker, zu dem der sogenannte Völkerbund nur ein Lippenbekenntnis ab-
legt, durch völlige Freigebung aller Kolonialvölker, sowie durch sofortige Annullierung
sämtlicher, der völligen Gleichberechtigung widersprechender Verträge tatsächlich verwirk-
licht wird.
Im Weiterverfolge dieser Hauptforderung verwirft der Kongreß auch jede Neuerwer-
bung von Kolonialland durch imperialistische Staaten, ebenso wie die Neuverteilung von
sogenannten Kolonialmandaten an Staaten, die bisher noch keine Kolonien besaßen, wie an
solche, die Kolonien verloren haben. Auch die Herleitung von staatlichen und privatkapita-
listischen Reservatrechten aus der Tatsache, daß die Kapitalisten eines fremden Staates
in den nominell noch selbständigen Ländern Kapitalien investiert haben, darf nicht mehr
geduldet werden. Die besten Vertreter der fortschrittlichen europäischen und amerikanischen
Geisteswelt unterstützen diese Forderungen.
Der Weltkrieg von 1914 bedeutet einen entscheidenden Wendepunkt in der Entwicklung
des Imperialismus. Er hat einen Teil der Kolonialbeyölkerung als Kanonenfutter
auf die europäischen Schlachtfelder geworfen. Er hat damit den unterdrückten Völkern ihre
letzten Illusionen über die „kulturelle Sendung“‘ des Imperialismus genommen. Der Krieg hat
außerdem die brutalste Verkörperung des Imperialismus, den russischen Zarismus, zertrüm-
mert. An seine Stelle trat eine imperialistenfeindliche Föderation freier, eine sozialistische
Wirtschaft aufbauender Völker.