So selbstverständlich diese Forderung vom Standpunkte des
Historikers sein mag, haben doch Darstellungen, welche die historische
Treue des Gesamtbildes anstreben, auch jetzt noch mit einem
zähen und einseitigen Traditionalismus zu kämpfen und finden an
den herkömmlichen theoretischen Konstruktionen lebhaften
Widerstand.
Ich habe in meinem Buche über „Die Wirtschaftsentwicklung
der Karolingerzeit“ (z Bände, 1912 und 1913) versucht, auf Grund
der historischen Quellen ein Bild der konkret bezeugten Tatbestände
jener Periode zu geben. Als ein Hauptergebnis stellte sich dabei
heraus, daß in jener Zeit weder eine geschlossene Hauswirtschaft
im Sinne K. Büchers?®), noch auch eine reine Naturalwirtschaft
bestanden habe?), wie dies ziemlich allgemein und ganz besonders
auch von den führenden Wirtschaftshistorikern v. Inama-Sternegg*°)
sowie K. Lamprecht!) behauptet wurde,
Es ist nun von höchstem Interesse, zu beobachten, wie die
Vertreter der Wirtschaftsgeschichte sich zu diesen Nachweisen aus
den Quellen verhalten haben. Ein Teil, u. zw. die historisch besser
geschulten, suchte die unleugbaren Erscheinungen eines Geldverkehrs
zur Karolingerzeit als unbedeutend oder unwirksam zu
erklären und jene Tatsachen in den Vordergrund zu rücken, die
bis dahin für den naturalwirtschaftlichen Charakter jener‘ Zeit
geltend gemacht wurden, wie z. B. die Zurückweisung von Münzen.
P, Sander ging sogar so weit, daß er behauptete, der Mangel einer
Geldwirtschaft habe verhindert, daß die damals vorhandenen Edelmetallvorräte
in Umlauf gesetzt wurden*?). Der besonders durch
V. Inama-Sternegg betonte Unterschied zwischen dem Westen und
Osten des Frankenreiches schien so überzeugend, daß Paul Sander
in seinem Übereifer, die Inamaschen Thesen unter allen Umständen
retten zu wollen, sogar die Theorie aufstellte, in dem östlichen Teile
des Frankenreiches, den rechtsrheinischen Gebieten, finde sich immer
ein solches Übergewicht der Naturalwirtschaft, daß die dort an-2)
A.a.O. 2, 180 ff.
®) Ebda. 2, 234f.
59) Deutsche Wirtschaftsgeschichte 1°, 444, 644, 646, 653-*)
Deutsches Wirtschaftsleben im Mittelalt. I. 1. 600 ff., sowie Deutsche
Gesch. 2°, 93 £.
®) Schmollers Jb. f. Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft
38, 1084 (1914).