Zwölfter Abschnitt.
Theoretische Schlußfolgerungen.
Wir konnten an der Hand der historischen Tatsachen verfolgen,
daß Natural- und Geldwirtschaft nicht zeitlich aufeinanderfolgende
Wirtschaftsformen sind, sondern nebeneinander vorkommen,
ohne daß die eine als Zeugnis primitiver, die andere als
spezifischer Ausdruck höherer Kultur zu werten wäre. Auch der
Geldkapitalismus neuerer Zeiten bedient sich der Naturalwirtschaft
zur Erzielung höherer Gewinne, anderseits dauert diese auch bei
den Großgrundherrschaften bis in die Gegenwart hinein fort. Der
Papst und der Kaiser, Landesherren und Bischöfe, aber auch der
weltliche Adel entlohnen ihre Beamten und Angestellten zum Teil ın
natura, durch Überweisung von Wohnungen und Bezug von
Nahrungsmitteln (Getreide, Bier, Holz u. s. w.), das sog. Deputat.
Warum? Offenbar ist beiden Seiten damit gedient, augenscheinlich
ist diese Form für beide vorteilhaft. Die großen Grundherren verfügen
nicht nur über ausgedehnten Grundbesitz, sondern auch über
Wohn- und Wirtschaftsgebäude, sowie zahlreiche Eingänge in
Naturalien, besonders solche an lebenswichtigen Nahrungsmitteln.
Indem sie einen Teil davon direkt als Zahlungsmittel für ihre Beamten
und Angestellten verwenden, ersparen sie Geld. Aber es ist
nicht der Geldmangel, der sie dazu veranlaßt, sondern es kommt
ihnen diese Art der Entlohnung billiger, als wenn sie diese
Naturalien zu Markte führen, dort verkaufen und den Erlös davon
als Gehalt für ihre Bediensteten verwenden würden. Anderseits ist
die teilweise Naturalentlohnung auch für den Empfänger vorteilhafter,
da er bei Überweisung der aus dem Verkauf jener Naturalien
erzielten Summe mit diesem Plus an Geldeinnahmen nicht dasselbe
Quantum lebenswichtiger Nahrungsmittel, bzw. dieselbe Wohnung
bezahlen könnte, welche er in natura erhält. Er müßte mehr
aufwenden, da ja durch diese Naturalzahlung der Gewinn des