Full text: Naturalwirtschaft und Geldwirtschaft in der Weltgeschichte

20 
zahlung. Man produziert nicht mehr für den Eigenbedarf, sondern 
für den Verkauf. Das Streben nach größtmöglichem Gewinn ist 
dem Kapitalismus eigen. Der Kapitalismus überwindet die feudale 
Wirtschaftsorganisation, er nimmt den Krieger in Sold und kauft 
von dem freien Arbeiter dessen Arbeitsleistungen. 
Karl Lamprecht ist in seiner „Deutschen Geschichte“ noch einen 
Schritt weiter gegangen. Er hat geradezu gemeint, daß Natural- und 
Geldwirtschaft jene beiden wirksamen und konstitutiven Kräfte 
gewesen seien, aus welchen sich die deutsche Geschichte und ihre 
besondere Entwicklung vom Mittelalter zur Neuzeit erklären lasse. 
„Der volle Durchbruch geldwirtschaftlicher Tendenzen mit ihren 
Folgen auf sozialem und, großenteils hierdurch vermittelt, auch auf 
geistigem Gebiete, mußte die Neuzeit selbst heraufführen“”).“ Die 
Verschiedenheit der Entwicklung in den Territorien und den Städten 
beruhe eben in der Natural- bzw. Geldwirtschaft. Die Folge davon 
war nach Lamprecht ein völliger Dualismus in der bisher einheit- 
lichen nationalen Entwicklung. Die schweren wirtschaftlichen und 
sozialen Konsequenzen treten im Bauernkrieg des 16. Jahrhunderts 
zutage. Das Ergebnis war schließlich (Ende des 16. Jahrhunderts) 
der Zusammenbruch der städtischen geldwirtschaftlichen Hyper- 
trophie, der Sieg der Territorien mit ihrer langsamen Entfaltung 
wahrhaft staatlicher Lebensformen, und in diesem territorialen 
Werden eine neue Einheit der nationalen Geschicke. 
Mit Recht hat sich v. Below gegen diese Art der Darstellung 
K. Lamprechts gewendet und geradezu von einem Mißbrauch da 
gesprochen”). Wenn er selbst bei dieser Gelegenheit betont, daß 
den politischen Faktoren eine große Bedeutung für die Weiter- 
bildung der wirtschaftlichen Verhältnisse zukommt und daß das 
Aufkommen der Geldwirtschaft oft zu einem großen Teile in politi- 
schen Vorgängen seinen Grund hat, so ist dies gewiß zutreffend. 
Dies gilt aber, glaube ich, nicht nur für die Weiterbildung 
der wirtschaftlichen Verhältnisse und speziell für das Aufkommen 
der Geldwirtschaft, sondern für die Gestaltung der Wirtschaft über- 
haupt, zu allen Zeiten und überall. Deshalb ist doch auch der Ver- 
such, welchen einzelne Nationalökonomen unternommen haben, 
die Verschiedenheit der deutschen gegenüber der englischen und 
77) Deutsche Geschichte, 5. Bd., Einleitung. 
%®)y Probleme der Wirt. Gesch., S. 166, Anm. 2.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.