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Erstes Bach. Die Begründer.
höheren Ertrages, gezwungen sind, vom Ausland einen großen Teil des
Brotkornes, von dem sie leben, einzuführen. Kann wenigstens in Frank
reich diese Steigerung endlos während dieses und der folgenden Jahr
hunderte fortgesetzt werden? Das ist sehr unwahrscheinlich; die Er
tragsfähigkeit eines jeden Bodens muß eine physische Grenze haben,
die durch die Menge der in ihm enthaltenen Bestandteile bestimmt wird.
— und noch viel eher muß eine wirtschaftliche Grenze erreicht werden.
Diese Grenze ergibt sich aus den wachsenden Kosten, die jede bis zu
ihren äußersten Schranken getriebene Nutzbarmachung bedingt. So
erscheint das Gesetz vom ,,sinkenden Bodenertrag“, auf das wir zurück
kommen werden, schon als die wirkliche Grundlage der MAXTHUs’schen
Gesetze, obgleich er nicht ausdrücklich darauf hinweist.
Übrigens ist dieser Hinweis auch überflüssig, denn es liegt auf der
Hand, daß in der Tat an einem gegebenen Ort sich nicht mehr lebende
Wesen befinden können, als dort ihren Lebensunterhalt finden: das ist
ein Truismus. Denn wenn mehr vorhanden sind, müssen selbstverständ
lich die Zuvielen Hungers sterben 1 ). Dies tritt in der Tier- und Pflanzen
welt stets ein: die ungeheuerliche Vermehrung der Keime der Lebewesen
wird durch den Tod unerbittlich auf das zulässige Verhältnis zurück
geführt, und das von der Notwendigkeit bestimmte Niveau steigt und fällt
ebensowenig, wie der Wasserstand in einem gut regulierten Behälter
schwankt. Denn die furchtbaren Verheerungen des Todes werden ständig
durch unerschöpflichen Lebensdrang wieder ersetzt. Bei den wilden
Völkern stirbt nun ebenso wie bei wilden Tieren ein großer Bevölkerungs
teil buchstäblich Hungers. Malthus weist eingehend auf den Zustand
dieser primitiven Gemeinschaften hin; diese Schilderungen füllen sogar den
größten Teil seines Buches. Hierin war er ein Vorläufer jener prähistori
schen Soziologie, die seit ihm bedeutende Fortschritte gemacht hat.
Er zeigt sehr klar, wie dieser Mangel an Nahrungsmitteln hundert
Übel nach sich zieht, nämlich nicht nur die große Sterblichkeit und die
Epidemien, sondern auch die Menschenfresserei, den Kinder- und
Greisenmord und besonders den Krieg, der, auch wenn sein Ziel nicht
mehr darin besteht, die Besiegten aufzufressen, doch wenigstens den
Zweck hat, ihnen ihr Land und die Lebensmittel, die es hervorbringen
kann, zu nehmen. Das nennt er positive oder repressive Hem
mungen.
x ) Mit Bezug hierauf schrieb Malthus den bekannten, stets wiederholten Satz,
den man ihm beständig zum Vorwurf gemacht hat, obgleich er von ihm schon in der
2. Ausgabe gestrichen wurde: „der in die . . . schon mit Beschlag belegte Welt Ge
borene . . . findet an der großen Tafel der Natur keinen für ihn gedeckten Platz. Die
Natur befiehlt ihm, wieder zu verschwinden und zögert nicht, ihrem Befehl nachzu
helfen.“ Hierbei darf aber nicht vergessen werden, daß Malthus an der Reorganisation
der öffentlichen Wohlfahrtsbehörde, wie sie vor 1832 in England bestand, mitgewirkt hat.