Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Constanz der Naturgesetze. 
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scheide bestehen, so muss auch hier jeder Teil in gleicher Weise 
die Grundregel des Ganzen vertreten und zur Darstellung bringen. 
Ptolemäus hatte im „Almagest“, dem Grundwerk der älteren 
Astronomie, ausgeführt, dass wir die Entscheidung darüber, was 
am Himmel als einfach und naturgemäss zu gelten habe, nicht 
in den irdischen Erscheinungen suchen dürften: denn wo ein 
diametraler Gegensatz der Gegenstände und Substanzen be- 
steht, da kann nicht ein und derselbe Maassstab des Urteils an 
gelegt werden. Dieser Ansicht gegenüber betont Kepler, dass die 
„Beispiele“ für das Prinzip der Himmelsbewegungen uns überall 
in alltäglichen und bekannten Phänomenen unmittelbar vor Augen 
liegen. Es heisst den Unterschied, der aus der Eigenart der Ob- 
jekte herstammt, überspannen, es heisst die Kraft der Wissen- 
schaft und der astronomischen Hypothese entwurzeln, wenn man 
glaubt, dass ein Prinzip, das für uns, für das Urteil der Vernunft 
und der Geometrie „einfach“ und grundlegend ist, an den kos- 
mischen Phänomenen gemessen diese Geltung und Bedeutung ein- 
büssen könnte.®) So sehen wir, wie im Begriff des Naturge- 
setzes, der hier zum ersten Mal in terminologischer Bestimmt- 
heit zur Bezeichnung der drei Keplerschen Grundregeln gebraucht 
wird,®%) der anfängliche geometrische Gesichtspunkt sich weitet: 
indem hier das Moment der Veränderung aufgenommen, das der 
allgemeinen und notwendigen Geltung aber nichtsdestoweniger 
festgehalten wird, wird damit erst die „Idee“ zum ersten Mal für 
das Gebiet der konkreten empirischen Wirklichkeit entdeckt und 
fruchtbar gemacht. Immer klarer weisen die Richtlinien von 
Keplers Denken auf ein Ziel voraus, das er selbst nicht mehr er- 
reicht hat, immer dringender fordern sie ihre einheitliche Zu- 
sammenfassung in der Logik der Galileischen Physik. — 
Auch der Begriff der Ursache nimmt nunmehr an der neuen 
Entwicklung teil, die der Begriff des Gesetzes erfahren hat. Das 
„Mysterium Cosmographicum“ stellt sich noch durchaus die Auf- 
gabe, die Ursachen des „Seins“ und der ruhenden Verfassung 
des Universums zu enträtseln: die Zahl, die Ordnung und die 
Grösse der Himmelskörper sollen auf ihren wahren Ursprung 
zurückgeführt werden. Es soll nicht genügen, alle diese Verhält- 
nisse empirisch zu erfassen, sondern es wird ein „apriorischer“ 
Grund gefordert, der sie aus einem „metaphysischen‘“ Prinzip ab-
	        
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