Full text : Die deutsche Ölmüllerei

§  1.  Heimarbeitausftellungen  227

Diefe  ans  Unglaubliche  grenzenden  Lohnverhältniffe  haben  viel  Kopffchütteln
  und  Zweifel  an  der  Richtigkeit  der  Angaben  hervorgerufen.  Es  kommt
daher  viel  darauf  an,  daß  volle  Objektivität  bei  der  Berechnung  der  Löhne  obwaltet. ­
  Hier  hat  nun  die  Frankfurter  Heimarbeitausftellung  einen  beachtenswerten ­
  Verfuch  gemacht.  Die  vorbereitende  Arbeit  war  unter  fogenannte  Fachausfchüffe
  verteilt;  diefe  Fachausfchüffe  follten  nach  Möglichkeit  paritätifch
befetzt  werden.  Zu  Mitgliedern  eines  Fachausfchuffes  wurden,  wenn  irgend
möglich,  Unternehmer  und  Arbeiter  des  betreffenden  Zweiges  der  Heimarbeit
in  gleicher  Zahl  ernannt.  Unter  Mitwirkung  diefer  beiden  für  den  Lohn
maßgebenden  Perfonengruppen  war  am  erften  ein  wahrheitsgetreues  Bild
der  Verhältniffe  zu  erwarten.  In  den  meiften  Branchen  ift  es  auch
gelungen,  Vertreter  der  beiden  Intereffengruppen  für  die  vorbereitende
Mitarbeit  zu  gewinnen.  Ihr  gemeinfchaftliches  Arbeiten  hat  fich  denn  auch
nach  dem  Zeugnis  des  Ausftellungskomitees  durchaus  bewährt  und  wertvolle ­
  Ergebniffe  gezeitigt.  Und  wenn  auch  aus  Mangel  an  Zeit  und  Hilfskräften ­
  es  fich  nicht  immer  erreichen  ließ,  daß  jede  Tatfache,  die  auf
den  Etiketten  veröffentlicht  wurde,  gemeinfam  geprüft  und  feftgeftellt
wurde,  wenn  auch  die  Kritik  Angriffspunkte  gefunden  hat,  der  Verfuch
eines  paritätifchen  Zufammenwirkens  von  Unternehmern  und  Arbeitern  ift
jedenfalls  beachtenswert.  Die  Leitung  des  Frankfurter  Unternehmens  war
auch  post  festum  mit  dem  eingefchlagenen  Ermittlungswege  durchaus  zufrieden. ­
  Prof.  Arndt  gab  die  Erklärung  ab:  ,,Das  Zufammenarbeiten  der  Unternehmer ­
  und  der  Arbeiter  in  den  Fachausfchüffen  hat  fich  durchaus  bewährt
und  wertvolle  Ergebniffe  gezeitigt.  Wenn  wir  jetzt  die  Ausftellung  noch  einmal
zu  organifieren  hätten,  fo  befteht  nicht  der  mindefte  Zweifel  daran,  daß  wir
am  Grundfatze  der  Parität  fefthalten  würden.“ 1 )
Bei  der  außergewöhnlichen  Regellofigkeit  der  Heimarbeitslöhne  innerhalb
ein  und  derfelben  Branche  kommt  natürlich  viel  darauf  an,  dem  Befucher
ein  möglichft  t  y  p  i  fc  h  e  s,  die  Durchfchnittshöhe  der  Löhne  wiedergebendes
Bild  zu  bieten.  Innerhalb  einer  Branche  fchwanken  die  Löhne  nicht  feiten
zwifchen  1  und  10;  es  find  darum  möglichft  verfchiedenartige  Lohnfätze  zu
berückfichtigen  und  bei  exorbitant  niedrigen  Löhnen  find  auch  die  häufig
eigenartigen  Lebensverhältniffe  des  Heimarbeiters  mit  anzugeben.  So  wird  ein
Stundenverdienft  von  1%  Pf.  in  der  Filetftickerei  nicht  mehr  fo  fehr  in  Staunen
')  P.  Arndt,  Die  Heimarbeit  im  rhein-mainifchen  Wirtfchaftsgebiet  I,  Jena
1909,  18.  Vgl.  die  Polemik  von  Dr.  Bittmann  in  der  „Zukunft“  (8.  8.  1908,  S.  202)
und  die  Entgegnung  von  Prof.  A  r  n  d  t  ebenda  (31.  10.1908,  S.  171);  ferner  die  Rezenpon
  von  Prof.  KarlBücherin  der  „Zeitfchrift  für  die  gefamte  Staatswiffenfchaft“
(1909)  714—725  und  die  Entgegnung  von  A  r  n  d  t  in  feinem  II.  Bande,  Vorwort.
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