70 unfzehntes Buch. Erses Rapitel
friedigt, fromm und alle Gebote erfüllt sein, und du von allen
Dingen frei sein.
Also sehen wir, daß an dem Glauben ein Christenmensch
genug hat; er bedarf keines Werkes, daß er fromm sei. Das
ist die christliche Freiheit, der einzige Glaube, der da macht,
nicht, daß wir müßig gehen oder übel thun mögen, sondern
daß wir keines Werkes zur Frömmigkeit bedürfen. Nicht, daß
wir damit aller Dinge leiblich mächtig wären, sie zu besitzen
oder zu brauchen. Denn dies ist eine geistliche Herrschaft, die
da regiert auch in der leiblichen Unterdrückung, das ist, ich
kann mich an allen Dingen bessern nach der Seele, daß auch
der Tod und Leiden mir dienen müssen und nützlich sein zur
Seligkeit.
Über das sind wir Priester, denn Christus hat uns er—
worben, daß wir mögen geistlich für einander eintreten und
bitten, wie ein Priester für das Volk leiblich eintritt und bittet.
Wer mag nun ausdenken die Ehre und Höhe eines Christen—
menschen? Durch sein geistliches Königreich ist er aller Dinge
mächtig, durch sein Priestertum ist er Gottes mächtig: denn
Gott thut, was er bittet und will.
Nun kommen wir aufs andere Teil, auf den äußerlichen
Menschen. Hier wollen wir antworten allen denen, die sich
irgern aus den vorigen Reden und zu sprechen pflegen: „Ei,
so denn der Glaube alle Dinge ist und giebt allein genugsam
fromm zu machen, warum sind denn die guten Werke geboten?
So wollen wir guter Dinge sein und nichts thun!“ Nein,
lieber Mensch, nicht also! Es wäre wohl also, wenn du allein
ein innerlicher Mensch wärest und ganz geistlich und innerlich
geworden, welches nicht geschieht bis an den jüngsten Tag.
Es ist und bleibt auf Erden nur ein Anheben und Zunehmen,
welches wird in jener Welt vollbracht. Da heben nun die
Werke an. Hier muß der Mensch nicht müßig gehen, da muß
fürwahr der Leib mit Fasten, Wachen, Arbeiten und aller mäßigen
Zucht getrieben und geübt sein, daß er dem innerlichen Menschen
und Glauben gehorsam und gleichförmig werde. Darum ver—
werfen wir die guten Werke nicht um ihretwillen, sondern um