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Zweites Buch. Die Gegner.
Weit davon entfernt, der wirtschaftlichen Entwicklung der Vereinigten
Staaten zu schaden, schien das Schutzzollsystem sie im Gegenteil be
günstigt zu haben. In Wirklichkeit wurde dadurch nur eine Entwicklung
um einige Jahre beschleunigt, die die Natur selbst eines Tages in diesem
riesigen Lande hervorrufen mußte, das in so wunderbarer Weise mit
menschlicher Energie und natürlichen Hilfsquellen gesegnet ist, und wo
kein noch so fehlerhaftes System die Vermehrung des Reichtums hätte
lange aufhalten können. Gestattete nun die Ähnlichkeit der Lage in
Deutschland und Amerika nicht die Hoffnung, daß der gleiche Versuch
auf einem so ähnlichen Boden von Erfolg begleitet sein würde?
So ist das System List’s das erste, in dem der Einfluß der wirtschaft
lichen Versuche der Neuen Welt auf die europäische Gedankenwelt zu
tage tritt.
Er führte dies selbst in einer sehr schönen Stelle seines Buches aus:
„Als mich mein Schicksal“, schreibt er, „später nach Nordamerika führte,
ließ ich alle Bücher zurück. Das beste Werk, das man in diesem Lande
über politische Ökonomie lesen kann, ist das Leben. Wildnisse sieht man
hier reiche und mächtige Staaten werden ... ein Prozeß, der in Europa
eine Reihe von Jahrhunderten nahm, geht hier vor unseren Augen vor
sich — nämlich der Übergang aus dem wilden Zustand in den der Vieh
zucht und aus diesem in den Agrikulturzustand, und aus diesem wieder
in den Manufaktur- und Handelsstand. Hier kann man beobachten,
wie die Rente aus dem Nichts allmählich zur Bedeutendheit erwächst.
Hier versteht der einfache Bauer sich praktisch besser auf die Mittel, die
Agrikultur und die Rente zu heben, als die scharfsinnigsten Gelehrten
der alten Welt; — er sucht Manufakturisten und Fabrikanten in seine
Nähe zu ziehen. Hier treten die Gegensätze zwischen Agrikultur- und
Manufakturnationen einander aufs schneidendste gegenüber und ver
ursachen die gewaltigsten Konvulsionen. Nirgends so wie hier lernt man
die Natur der Transportmittel und ihre Wirkung auf das geistige und
materielle Leben der Völker kennen. Dieses Buch habe ich begierig und
fleißig gelesen und die daraus geschöpften Lehren mit den Resultaten
meiner früheren Studien, Erfahrungen und Reflexionen in Einklang zU
stellen gesucht“ 1 ).
Wenn sich in dieser Hinsicht der LisHsche Protektionismus an das
Schauspiel des modernen Wirtschaftslebens anschließt, so verbindet ihn
offenbar eine noch engere Verwandtschaft mit dem früheren Merkantilis
mus. List hat denn auch seine Bewunderung für die Merkantilisten und
besonders für Cölbert niemals verleugnet. Er beschuldigte Smith und
Say, sie verkannt zu haben, und behauptete von ihnen, daß sie viel eher
den Namen Merkantilisten verdienten, da sie die krämerhafte, kindliche
x ) Nat. Syst. Ausg. Cotta, 1841, SS. XVI u. XVII, Vorwort.