fullscreen: Bevölkerungslehre

7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 203 
mehrung durch die Bevölkerungsvermehrung hervorgehen müßten. . . .“ 
Diese Sätze sind in ihrem Kerne, der das sogenannte MalthuSs’- 
sche Bevölkerungsgesetz bildet, und in dem wahren Sinn, welchen 
sie bei Malthus selbst haben, unumstößlich und von einleuchtendster, 
in der Tat auch erfahrungsgemäß bestätigter Wahrheit“ ?). Freilich 
hat A. Wagner schon in diesen Worten die rein naturalistische 
Grundlage der Malthus’schen Lehre verlassen. Gerade aus diesem 
Grunde ist ja für Malthus die Übervölkerung gewissermaßen ein 
dauernder Zustand. Wagner wirft Malthus vor, daß er zu sehr 
verallgemeinert habe und hebt ihm gegenüber vor allem hervor, 
daß die Vermehrungstendenzen weit stärkeren örtlichen und zeit- 
lichen Schwankungen unterliegen, als er angenommen hatte. Noch 
weiter entfernt sich Wagner von der eigentlichen Malthus’schen 
Bevölkerungslehre in späteren Arbeiten. Er hebt hier zwar hervor, 
daß man bei günstigen Erwerbsverhältnissen eine stärkere Tendenz 
der natürlichen Bevölkerungsvermehrung beobachten könne und er 
betont noch ausdrücklich, „daß jede erhebliche Verbesserung der 
Lebensverhältnisse sofort wieder der Volksvermehrung Vorschub 
leiste“ %), Er entfernt sich dagegen von der eigentlichen MalthuSs’- 
schen Lehre, wenn er in der gleichen Schrift z. B. sagt: „Jedenfalls 
vergegenwärtige ich mir... die Gefahr einer Übervölkerung‘ bei 
so rascher Volksvermehrung“®). Noch deutlicher spricht er diesen 
Gedanken einer künftigen drohenden Übervölkerung mit den folgenden 
Worten aus: „Es sind mit einem Worte, eben auf einem gegebenen 
Gebiete über kurz oder lang endgültige Grenzen für Volkszahl und 
Dichtigkeit vorhanden“ 4). In seinem letzten Werke, seiner theoretischen 
Sozialökonomik, hat er weiter ausgeführt: „Wird dieser Fassungs- 
-aum und Dichte überschritten, so tritt auf dieser Stufe Übervölkerung 
ein, eventuell auch bei sehr geringer Dichte“®). Es ist hier immer 
von einer Gefahr der weiteren Volksvermehrung die Rede. 
Noch viel ausgesprochener findet sich diese Abweichung von 
der eigentlichen Malthus’schen Lehre bei G. Schmoller. Dieser 
hebt hervor, daß das Verdienst von Malthus darin bestehe, 
„daß er mit Nachdruck ünd wissenschaftlichen Beweisen den Zu- 
sammenhang der Menschenzahl mit der Ernährungsmöglichkeit betont 
und die vorhandenen Grenzen der letzteren erläutert habe; aber 
!) Grundlegung, a. a. O., S. 453- 
?) Agrar- und Industriestaat, S. 55. 
3) a. a, O., S. 65. 
4‘) a. a O0. S. 82. 
5) Theoretische Sozialökonomik, ı. Abt., 1907, S. 8.
	        
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