Die Nomaden. Die eigentlichen Ackerbauer. 199
vom Anbau einiger Prozente des Bodens bis zu 50, 80 und 100 Prozent, von der
mangelnden und vereinzelten bis zur stärksten Düngung, von geringer zu starker Vieh—
haltung, vom extensiven Betrieb einer rohen Feldgraswirtschaft bis zum intensiven
Fruchtwechsel. Aber wir wollen zunächst von diesen Graden der Intensivität, d. h. von
der Zunahme der Verwendung von Arbeit und Kapital auf dieselbe Bodenfläche abfehen
und im allgemeinen fragen, welche Bedeutung der Ackerbau überhaupt für die Ent—
wickelung der Technik und Kultur der Menschen habe.
Wir sehen es, wenn wir ihn und seine Folgen mit den Zustaͤnden des Jägers,
des Nomaden und des Hackbauers vergleichen; der Hackbau hat freilich mancherlei
Folgen mit dem Ackerbau gemein, wie z. B. die Wirkung auf Fleiß und Anstrengung,
die Begünstigung des Seßhaftwerdens, der dichteren Bebölkerung, eines Anfanges der
Arbeitsteilung und der Feldgemeinschaft. Aber er unterscheidet sich doch im wesentlichen
von ihm: auch wenn der hölzerne Haken, aus dem der Pflug entstand, ursprünglich
durch Mann und Frau (conjux, conjugium) gezogen wurde, im ganzen wurde die tierische
Kraft benützt, und damit der Boden sehr viel leichter und tieser gelockert. Die Benutzung
der tierischen Kräfte zum Anbau, zur Lastenbeförderung, bald auch als Hülfsmittel für
Göpel und Triebrad bedeutet einen außerordentlichen Fortschritt gegenüber der viel
schwächeren Menschenkraft; sie wurde gleichsam verdoppelt oder vervierfacht. Der Anbau
wurde aus einer bloßen Weiber- ziemlich allgemein Männersache; größere Flächen
wurden bestellt, ertragsreichere Früchte gebaut. Die bisherigen Gemüse-, Knollen- und
Wurzelesser erhielten mit Gerste, Roggen und Weizen und den weiteren daran sich
schließenden Früchten eine viel bessere und sicherere Ernährung. Die Erinnerung an
den großen Fortschritt lebte im Altertum lebendig fort, wie z. B. Homer die ältesten
Einwohner Agypieus, die sich von Lotos und Bohnen nährten, vergleicht mit, den starken
Männern, welche die Früchte des Halmes genießen; jene hätten jedes Auftrags und
jeder Pflicht vergessen. Forssac berechnete 1840, der Ackerbau ernähre 20 — 80 mal so
viel Menschen wie die Nomadie, diese 20 mal so viel wie die Jagd. Wir haben oben
(S. 188) die steigende Ernährungsmöglichkeit, welche der Ackerbau schafft, schon zahlen—
mäßig nach dem Stande der heutigen Statistik belegt. Die Verbindung der Getreide—,
Fleisch- und Milchnahrung erzeugt die kräftigsten Menschen, ist bis heute als die
physiologisch günstigste angesehen. Wenn auch Viehsterben und Mißernten noch lange
große Gefahren brachten, die Unsicherheit der Jäger⸗, Fischer- und Nomadenwirtschaft
war doch beseitigt und wich weiter in dem Maße, wie die Vielseitigkeit des Anbaues
verschiedener Früchte wuchs, die Vorratssammlung ernster genommen wurde.
Wie die erforderliche Arbeit sich vermehrte, so steigerte sich die Gewöhnung an
Arbeit, Umsicht, Besonnenheit mit dem Ackerbau sehr; das komplizierte Ineinandergreifen
der Viehhaltung und des Anbaues nötigten zu Plänen und Berechnungen aller Art,
zur Fürsorge für den Winter, für die Zukunft. Die Ackerwerkzeuge, der ganze Betrieb,
der Bau von Haus, Stall und Scheuer wurden komplizierter. Und all' das steigerte
sich noch sehr, wenn der Anbau von Obstbäumen, die Pflanzung des Wein- und
Olivenbaumes, die Terrassierungsarbeiten, die Wasserbenützung und die Wasserbauten,
die Düngung hinzukamen. Die definitive Seßhaftigkeit war mit dem Hausbau, der
Bodenverteilung und -vermessung, dem besseren Anbau für immer gegeben.
Aber nicht nur die Arbeit des einzelnen wurde eine ganz andere, nicht nur die
Hauswirtschaft der Familie bildete sich feiner als beim Hackbau aus, auch die gemein⸗
famen Arbeiten des Stammes, der Sippen, der zusammen im Dorfe Wohnenden steigerten
fich gegenüber den ähnlichen Einrichtungen beim Hackbau, teilweise auch gegenüber
denen der Nomaden. Da und dort entstand gemeinsamer Anbau; oft wenigstens spannten
zwei bis vier Familienväter ihre Ochsen bei schwerem Boden gemeinsam vor den Pflug;
die Dorfgenossen wohnten gemeinsam, bauten gemeinsam ihre Holzhäufer, hüteten
gemeinsam ihr Vieh, legten ihre Ackerbeete und ihre Wege nach gemeinsamem Plane
an, verwalteten Wald und Weide gemeinsam: Flurzwang und Feldgemeinschaft sind die
weitverbreiteten genossenschaftlichen Folgen erst des Hack-, aber noch mehr des Ackerbaues.
Noch viel größer werden die gemeinsamen Arbeiten, wo die Wasserzu- oder Ableitung