Die Tierzähmung. Die Nomadenwirtschaft. 197
Centralasiaten, haben nur ausnahmsweise Rindvieh, mit dem gar nicht so zu wandern
ist wie mit Ziegen und Schafen, den ältesten Nomadentieren, und mit Pferden, Eseln,
Maultieren und Kamelen, welche für die späteren Nomaden die wichtigsten Last- und
Herdentiere wurden. Wie sollen diese Nomaden das wenig bewegliche Rindvieh gezähmt
haben, das wahrscheinlich viel früher als alle anderen größeren Nutztiere dem Menschen
diente? Wenigstens daß das Pferd erst 2000 — 1700 unter den Hirtenkönigen nach
Agypten, erst in den Jahrhunderten nach Christi Geburt zu den Arabern, zu den Germanen
erst auf ihren Wanderungen kam, steht fest.
So spricht sehr viel dafür, daß die Rindviehzucht vorderasiatischen Stämmen in
fehr früher Zeit gelang, daß sie an ihrem Entstehungsorte den eigentlichen Ackerbau im
Gegensatze zum Hackbau erzeugte, daß die Tierzucht von da aus sich verbreitete, teilweise
mit dem Ackerbau, teilweise ohne ihn, daß sie je nach den benutzten und klimatisch oder
sonst möglichen Tieren verschiedene wirtschaftliche Lebensformen nach und nach erzeugte.
Wir wollen, ehe wir den Ackerbau besprechen, nur ein Wort vorausschicken über die
mongolisch⸗asiatischen Nomadenvölker und deren Wirtschafts- und Lebensweise; sie erscheinen
in den Lehrbüchern, z. B. bei Schönberg, Roscher, Ratzel, als die eigentlich typischen
der wandernden Viehzüchter, der sogenannten Nomaden. Die Rinderhirten Afrikas sind
keine eigentlichen Nomaden, in Amerika ist das Rind und das Pferd erst mit den
Europäern eingezogen.
79. Die mongolische Nomadenwirtschaft. Die nomadischen Mongolen⸗
stämme sind Bewohner der Steppe, der Hochgebirge, der Hochebenen, der unwirtschaft⸗
lichen Striche zwischen dem Ackerlande. Sie besaßen ursprünglich, wie erwähnt, über—
wiegend die leichtbeweglichen Ziegen und Schafe, erst später kam Pferd und Kamel
dazu; das Rind haben nur einzelne weniger bewegliche Stämme, und nicht in großer
Zahl. Ihr periodisches Wandern in den ihnen eigenen Gebieten, wie ihr rasches, stoß—
artiges Vordringen in neue Länder ist die Folge des kargen Bodens, auf dem sie sitzen.
Das Rindvieh ist für diesen Boden und dieses häufige, rasche Wandern nicht recht
brauchbar. Den Uralaltaiern erschienen die Indogermanen mit ihrem Rindvieh trotz ihrer
zeitweisen Wanderungen als seßhafte Stämme. Diese wandernde Nomadenwirtschaft
konnte nur entstehen, nachdem die Viehzucht überhaupt in begünstigteren Ländern, bei
Ackerbauern, sich ausgebildet hatte; sie kann heute nur bestehen in der Nähe von Völkern
höherer, anderer Kultur, welche gegen tierische Produkte Mehl, Thee, Waffen, Werkzeuge
liefern; teilweise freilich treiben die Nomaden auch etwas Hack- oder Ackerbau.
Ganz überwiegend leben sie von ihrer Viehwirtschaft. Sie trinken die Milch und
das Blut, sie essen das Fleisch der Tiere; das Menschenfleisch ist hierdurch verdrängt;
aus den Häuten fertigen sie Kleider, Zelte, Sattel und Riemen, allerlei Hausgeräte.
Ihre Ernährung steht meist weit über der der Jäger, auch über der vieler Hackbauern,
nicht über der der viehzüchtenden Ackerbauern. Immer ist sie wechselvoll; der Nomade
muß im Ertragen von Hunger und Durst geübt sein. Je nach Regen und Witterung,
Viehkrankheit und guten Jahren nehmen die Herden rasch ab und rasch zu. Die
Bevölkerung ist meist stabil, oft künstlich beschränkt. Neben der Pflege und Wartung
der Tiere haben manche der Stämme allerlei häusliche und gewerbliche Künste gelernt:
die Filzbereitung und der Zeltbau stehen teilweise auf hoher Stufe. Aber im ganzen
wird ihr Leben dadurch nicht beeinflußt; es ist Jahrhunderte hindurch und länger stabil
geblieben. Fleiß und Arbeitsamkeit sind wenig ausgebildet. Der Nomade, sagt Ratzel,
führt im ganzen doch schlechte Wirtschaft; „er verliert Zeit, opfert Kraft in nutzlosen
Bewegungen und verwüstet nützliche Dinge“; das Weideland wird nicht verbessert, nicht
geschont, nicht für die Zukunft gepflegt. Der Hirte ist faul.
Aber er macht durch seinen Herdenbesitz und seine Weide- und Wanderzüge gewisse
Fortschritte in der gesellschaftlichen Orgaanisation, sowie im Handel, in der Kapital- und
Eigentumsausbildung.
Nicht alle Viehzüchter wandern, nicht alle Hirten sind Nomaden. Aber die
mongolischen sind überwiegend in Bewegung, da ihre Weidereviere ohne solche Wanderungen
zu karg sind. Immer haben die Stämme und die Geschlechter zunächst gewisse, im