Mathematische und mystische Naturanschauung. 267
ohne Vermittlung ihrer Relationen und Eigenschaften, ver-
schlossen sei: unter diesen letzteren aber stehen, wofür er sich
auf Aristoteles selbst berufen kann, die Beziehungen der Quan-
Ljtät an erster Stelle. Gegen den Einwurf aber, dass der not-
wendige Zusammenhang, der hier zwischen Mathematik und
empirischer Forschung gefordert wird, auf eine Vermischung der
Grenzen beider Forschungsarten hinauslaufe, führt er — wie
später Galilei — das Platonische Wort an, dass Arithmetik und
Geometrie, die abstrakten Grundwissenschaften von Zahl und
Form, die Flügel der Astronomie seien, vermöge deren sie sich
allein zur Erkenntnis der Ordnung der Sinnendinge aufzuschwingen
vermöge.4) In diesem Gedanken fühlt er sich als den berufenen
Fortbilder der antiken Wissenschaft und Philosophie im Gegen-
satze zu all denen, die von beiden nur einige zufällige und
äusserliche Bestimmungen übernehmen, während sie die eigent-
lichen Grundmotive preisgeben.®) .Den „Paracelsisten“ und „Al-
chymisten“ mag es überlassen bleiben, die Natur in sinnlichen
Bildern und Gleichnissen zu beschreiben und fassen zu wollen:
die Wissenschaft beginnt erst, wo das Bewusstsein. herrschend
wird, dass das Auge ohne das Hilfsmittel der mathematischen
Beweisgründe blind ist. Es ist, bis auf den Ausdruck genau,
Jlieselbe Anschauung und dieselbe logische Wendung, wie sie So-
krates im Phaedon vertritt. (S. ob. S. 243.) Die Forderung, die
Wirklichkeit durch den Gedanken „abzubilden“, gelangt hier zu
schärferer Unterscheidung und Abhebung. Auch der Mystiker
strebt nach einer Abschilderung des Wirklichen; — aber. statt
Hypothesen, die der Kontrolle und Gerichtsbarkeit des Denkens
unterstehen, sind es Hieroglyphen, deren er sich bedient: Ge-
stalten und Zeichen, die bei all ihrer anschaulichen Lebendigkeit
dem Urteil des Verstandes undurchdringlich bleiben.”) So ent-
steht eine Umkehrung aller logischen Wertverhältnisse, die sich
bei Robert Fludd naiv ausspricht, wenn er die Erkenntnis der
Quantitäten als ein „Wissen von Schattenbildern“ verwirft, das
nirgends bis zum eigentlichen physischen Sein der Dinge vor-
dringe. In dieser Geringschätzung des Erkenntnismittels der Grösse
stellt sich die Verachtung bloss, die der Theosoph für die Natur
und ihre „niedere“ empirische Wirklichkeit empfindet. Die astro-
nomische Forschung, die sich darauf beschränkt. die Bahnen der