L60 Die Erneuerung der Natur- und Geschichtsansicht,
ist nichts anderes, als die Weisheit Gottes, mit welcher er
nicht allein den Juden in einer engen syrischen Landschaft bei-
wohnte, sondern auch den Griechen, den Römern, den Deutschen,
so verschieden auch ihre religiösen Gebräuche waren.) Wie
dieser reine und universelle Theismus aus seiner Beschrän-
kung auf das Gebiet der Spekulation heraustritt und unmittel-
bar in die sittlichen Grundfragen eingreift, das wird besonders
am Beispiel des Erasmus deutlich. Der Augustinische Begriff
des Gottesstaates, der die grossen Heiden ausdrücklich ausschloss,
wird nun gesprengt: auch sie gehören der echten und wahrhaften
„Gemeinschaft der Heiligen“ an, wenngleich sie in unsern „Ver-
zeichnissen‘“ fehlen mögen. Der Grösse der antiken Denkart und
Gesinnung wird die Lebensführung der Christen gegenübhergestellt,
die bei den Meisten in Zeremonien, in Beschwörungen und Zauber-
lormeln, in dem Halten der Fasten und in äusseren kirchlichen
Werken aufgeht.®) In dieser Vergleichung, die dem „Convivium
religiosum“ angehört, geht die humanistische Tendenz direkt in
die Grundgedanken der Reformation über. Diese bilden den Ab-
schluss, freilich aber auch die Begrenzung der religiösen Bewegung
der Renaissancezeit, Innerhalb des Protestantismus selbst ist es
namentlich die Lehre Sebastian Francks, in der die religions-
philosophische Gesamtanschauung der Epoche noch einmal zur
Aussprache gelangt. Die Gleichsetzung des göttlichen „Wortes“ mit
dem „natürlichen Licht“ ist bei ihm vollendet: „was Plato, Seneca,
Cicero und alle erleuchteten Heiden das Licht der Natur und der
Vernunft genannt haben, das bezeichnet die Theologie als das
Wort, als den Sohn Gottes und als den unsichtbaren Christus.
Dieser ist so gut in Seneca und Cicero gewesen als in Paulus.
Demnach versteht er unter Christus (Logos) die Immanenz der
sittlich religiösen Ideen in Gott und deren Wirken und sich Mit-
teilen an die Menschen“. %)
So mündet die religiöse Gesamtentwickelung der Zeit, die
wir hier nur in vereinzelten Andeutungen skizzieren konnten,
wiederum in den Gedanken des Logos ein. In diesem vielge-
staltigen und fruchtbaren Begriff lässt sich nunmehr das ganze
Ergebnis der Gedankenarbeit der Renaissance zusammenfassen
Die Dialektik, wie die Psychologie, die Naturbetrachtung,
wie die Geisteswissenschaft haben uns sämtlich zu ein und