Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Das Erkennen und sein Gegenstand, 
zusetzen und auszuprägen gilt, so ist damit die frühere Grund- 
lage für die Gewissheit unserer Vorstellungen hinfällig geworden. 
Wir können sie nicht mehr unmittelbar mit ihren äusseren ding- 
lichen „Originalen“ vergleichen, sondern müssen in ihnen selbst 
das Merkmal und die immanente Regel entdecken, die ihnen Halt 
und Notwendigkeit gibt. Bestand der erste Schritt darin, die 
scheinbare Sicherheit und Festigkeit der Wahrnehmungsobjekte 
aufzuheben und die Wahrheit und Beständigkeit des Seins in 
einem System wissenschaftlicher Begriffe zu gründen, so muss 
nunmehr erkannt werden, dass uns auch in diesen Begriffen kein 
letzter unangreifbarer und fragloser Besitz gegeben ist. Erst in die- 
ser Einsicht vollendet sich die philosophische Selbstbesinnung 
des Geistes. Wenn es der Wissenschaft genug ist, die vielgestal- 
tige Welt der Farben und Töne in die Welt.der Atome und Atom- 
bewegungen aufzulösen und ihr damit in letzten konstanten Ein- 
heiten und Gesetzen Gewissheit und Dauer zu verleihen, so ent- 
steht das eigentlich philosophische Problem erst dort, wo diese 
Urelemente des Seins selbst als gedankliche Schöpfungen ver- 
standen und gedeutet werden. 
Aber freilich: dem Bereich grenzenloser Relativität, dem 
wir noch eben entronnen zu sein meinten, scheinen wir jetzt von 
neuem und für immer überantwortet. Die Wirklichkeit der Ob- 
jekte hat sich uns in eine Welt des Bewusstseins aufgelöst; an 
Stelle der dinglichen Welt ist eine geistige Welt reiner Begriffe 
und „Hypothesen“ erstanden. Im Gebiet des Geistigen aber gibt es 
keinen Bestand und kein „Dasein“, das der „Existenz“ der Natur- 
abjekte vergleichbar wäre. Alle Wirklichkeit eines Inhalts besteht 
hier in dem Prozess, in dem er entdeckt und hervorgebracht 
wird; alles Sein begreifen wir erst aus dem Verlauf und dem 
Gesetze seines Entstehens. So fordert das eigene Wesen jener 
togischen Grundbegriffe, die die Wissenschaft aus sich heraus 
entwickelt, dass wir sie nicht als gesonderte und von einander los- 
gelöste Gestaltungen betrachten, sondern sie in ihrer geschicht- 
lichen Abfolge und Abhängigkeit erfassen. Damit aber droht uns 
jeder feste systematische Haltpunkt zu entschwinden. Die gedank- 
lichen Einheiten, vermittels deren wir das Gewirr der Erschein- 
ungen zu gliedern suchen, halten selbst nirgends stand; in buntem 
Wechselspiel verdrängen sie sich und lösen unablässig einander
	        
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