FKinleitung.
kann nur sie selbst die Mittel zu seiner Bewältigung darbieten. Mitten
in den geschichtlichen Erscheinungen und Erfahrungen müssen
wir unseren Standort wählen, um von hier aus die Gesamtentwick-
lung zu überblicken und zu beurteilen. Wenn wir allgemein von
dem Gedanken ausgegangen sind, dass die Anschauung, die jede
Zeit von der Natur und der Wirklichkeit der Dinge besitzt, nur
der Ausdruck und das Widerspiel ihres Erkenntnisideals ist: so
versuchen wir nunmehr im einzelnen, uns die Bedingungen zu
verdeutlichen, kraft deren der moderne Begriff und das moderne
System der Erkenntnis sich gestaltet hat. Den komplexen In-
begriff von Voraussetzungen, mit denen unsere Wissenschaft an
die Deutung der Erscheinungen herantritt, suchen wir aufzulösen
und die wichtigsten Fäden gesondert in ihrer historischen Ent-
stehung und Herausbildung zu verfolgen. Auf diesem Wege dürfen
wir hoffen, zugleich einen sachlichen Einblick in dieses viel-
verschlungene begriffliche Gewebe zu gewinnen und die inneren
Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen seinen einzelnen Glie-
dern verstehen zu lernen. Die Geschichte soll uns somit zur Er-
gänzung und zum Prüfstein der Ergebnisse werden, die die in-
haltliche Analyse und Reduktion der Wissenschaften uns dar-
bietet. In einem doppelten Sinne kann versucht werden, diese
Analyse der gegebenen Wissenschaft, die die eigentliche Haupt-
aufgabe für jede Kritik der Erkenntnis bleiben muss, zu vervoll-
ständigen und mittelbar zu bewahrheiten. Wir können das eine
Mal nach den psychologischen Bedingungen fragen, die in der
Entwicklung des individuellen Bewusstseins den Aufbau der
Wahrnehmungswelt beherrschen und leiten; wir können ver-
suchen, die gedanklichen Kategorien und Gesichtspunkte, die
hier zu dem Stoff der Empfindungen hinzutreten müssen, aufzu-
decken und in ihrer Leistung zu beschreiben. Aber so wertvoll
diese Betrachtung ist, solange sie in den Grenzen, die ihr gesteckt
sind, verweilt und nicht versucht, sich selbst an die Stelle der
kritischen Zergliederung des Inhalts der wissenschaftlichen Prin-
zipien zu setzen: sie bliebe für sich allein unzureichend. Die
Psychologie des einzelnen „Subjekts“ empfängt volles Licht erst
durch die Beziehung, in die wir sie zur Gesamtentwicklung der
Gattung setzen; sie spiegelt uns nur die Tendenzen wieder, die
den Aufbau der geistigen Kultur der Menschheit beherrschen.