Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

FKinleitung. 
kann nur sie selbst die Mittel zu seiner Bewältigung darbieten. Mitten 
in den geschichtlichen Erscheinungen und Erfahrungen müssen 
wir unseren Standort wählen, um von hier aus die Gesamtentwick- 
lung zu überblicken und zu beurteilen. Wenn wir allgemein von 
dem Gedanken ausgegangen sind, dass die Anschauung, die jede 
Zeit von der Natur und der Wirklichkeit der Dinge besitzt, nur 
der Ausdruck und das Widerspiel ihres Erkenntnisideals ist: so 
versuchen wir nunmehr im einzelnen, uns die Bedingungen zu 
verdeutlichen, kraft deren der moderne Begriff und das moderne 
System der Erkenntnis sich gestaltet hat. Den komplexen In- 
begriff von Voraussetzungen, mit denen unsere Wissenschaft an 
die Deutung der Erscheinungen herantritt, suchen wir aufzulösen 
und die wichtigsten Fäden gesondert in ihrer historischen Ent- 
stehung und Herausbildung zu verfolgen. Auf diesem Wege dürfen 
wir hoffen, zugleich einen sachlichen Einblick in dieses viel- 
verschlungene begriffliche Gewebe zu gewinnen und die inneren 
Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen seinen einzelnen Glie- 
dern verstehen zu lernen. Die Geschichte soll uns somit zur Er- 
gänzung und zum Prüfstein der Ergebnisse werden, die die in- 
haltliche Analyse und Reduktion der Wissenschaften uns dar- 
bietet. In einem doppelten Sinne kann versucht werden, diese 
Analyse der gegebenen Wissenschaft, die die eigentliche Haupt- 
aufgabe für jede Kritik der Erkenntnis bleiben muss, zu vervoll- 
ständigen und mittelbar zu bewahrheiten. Wir können das eine 
Mal nach den psychologischen Bedingungen fragen, die in der 
Entwicklung des individuellen Bewusstseins den Aufbau der 
Wahrnehmungswelt beherrschen und leiten; wir können ver- 
suchen, die gedanklichen Kategorien und Gesichtspunkte, die 
hier zu dem Stoff der Empfindungen hinzutreten müssen, aufzu- 
decken und in ihrer Leistung zu beschreiben. Aber so wertvoll 
diese Betrachtung ist, solange sie in den Grenzen, die ihr gesteckt 
sind, verweilt und nicht versucht, sich selbst an die Stelle der 
kritischen Zergliederung des Inhalts der wissenschaftlichen Prin- 
zipien zu setzen: sie bliebe für sich allein unzureichend. Die 
Psychologie des einzelnen „Subjekts“ empfängt volles Licht erst 
durch die Beziehung, in die wir sie zur Gesamtentwicklung der 
Gattung setzen; sie spiegelt uns nur die Tendenzen wieder, die 
den Aufbau der geistigen Kultur der Menschheit beherrschen.
	        
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