3834 Die Entstehung der exakten Wissenschaft, — Die Mathematik.
trischen Sonderobjekte. Eine einfache algebraische Operation ge-
nügt jetzt häufig, um den analytischen Ausdruck der einen Gestalt in
den der andern überzuführen und beide somit in ihrer Verwandt-
schaft erkennen zu lassen; die blosse Variation eines Parameters
lässt Gebilde, die sonst verschiedenen Gattungen zugerechnet
wurden, aus einander hervorgehen. Und dieser Grundzug wird
weiterhin auch von derjenigen geometrischen Ansicht und Be-
trachtungsweise bestätigt, die sonst überall wie der Gegensatz
und das Widerspiel zur algebraischen Methode erscheint: auch
die projektive Geometrie, wie sie jetzt von Desargues ausge-
bildet wird, lenkt nicht zur antiken synthetischen Auffassung zu-
rück, sondern hat den modernen Grundbegriff des Unendlichen
und der Veränderung in sich aufgenommen und verarbeitet,
So wird hier z. B. eine allgemeine Definition des Kegelschnittes
zu Grunde gelegt, aus der durch Abstufung eines bestimmten
Einzelmerkmals die besonderen Unterarten erst entwickelt und
die verschiedenen möglichen Einzelgestalten abgeleitet werden. !?7)
Wieder bewährt sich die neue Denkrichtung darin, dass dasjenige,
was zuvor als begriffliche Trennung erschien, auf einen blossen
quantitativen Unterschied zurückgedeutet wird; — dass, nach dem
Worte Keplers, der kontradiktorische Gegensatz in eine Differenz
des „Mehr und Weniger“ sich auflöst. (S. ob. S. 268 f.) Die Methode
der Projektion ist das Mittel, ein und dieselbe qualitative Be-
stimmtheit gleichsam unter verschiedenen quantitativen Formen
und Abwandlungen zu betrachten und zu beurteilen, Wie schr
diese Wendung der abstrakten Mathematik geeignet war, das
Fundaments des Aristotelischen Weltgebäudes zu untergraben, zeigt
ein Einwand, den Benedetti, der bedeutendste der Vorgänger
Galileis, gegen Aristoteles erhebt. Dieser hatte behauptet, dass
auf einer endlichen Geraden keine ununterbrochene Bewegung
möglich sei: der Körper müsse am Ende der Bahn notwendig
zur Ruhe kommen, ehe er in entgegengesetztem Sinne zurück-
kehre. Um diesen Satz zu widerlegen, geht Benedetti davon aus,
zunächst die Bewegung des Körpers auf einer geschlossenen
Kreislinie zu betrachten und das Ergebnis, das sich ihm hier
darbietet, dadurch auf die Gerade zu übertragen, dass er sich
jeden einzelnen Punkt der Kreisperipherie auf diese projiciert
denkt. Die vollkommene geometrische Entsprechun”s und Ab-