Das Mysterium der Erbsünde,
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schaften verstrickt und ihres Seins und ihres Charakters beraubt.
Und wir begreifen allgemein, dass an dem Problem, das wir hier
vor uns haben, jede rationale Erklärung versagen muss. Die Ab-
leitung aus einem einzigen, höchsten Prinzip zu versuchen, hiesse
die Frage nicht lösen, sondern verleugnen und aufheben — hiesse
den ursprünglichen und unaufheblichen Dualismus, der uns im
Widerstreit unserer Natur mit sich selbst zum Bewusstsein gelangt
ist, wiederum verkennen. Die Gegensätze, die sich vor uns er-
schlossen haben, wären in einem „einfachen“ Subjekt unmöglich;
der psychologische Grundwiderspruch klärt sich erst, wenn wir
eine Doppelheit in der metaphysischen Natur und dem meta-
physischen Ursprung unseres Ich erkannt haben (XII, 4 u. 11).
So bildet das Dogma der Erbsünde, indem es uns eine uran-
fängliche Entzweiung unseres Wesens kennen lehrt, die letzte und
einzige Lösung. „Certainement rien ne nous heurte plus rude-
ment que cette doctrine; et cependant, sans ce mystere, le plus
incomprechensible de tous, nous sommes incomprchen-
sibles ä nous-memes. Le noeud de notre condition prend ses
replis et ses tours dans cet abime; de sorte que l’homme est
plus inconcevable sans ce mystere que ce mystere n’est
inconcevable ä l’homme“ (VIII, 1). Die Paradoxie von Pascals
Methodik, der Gegensatz zwischen dem Ergebnis und dem Ver-
fahren, durch welches es erreicht wird, tritt jetzt in voller
Deutlichkeit hervor. Das „Unbegreifliche“ soll als die letzte und
notwendige Voraussetzung und Bedingung alles Begreifens er-
wiesen werden; das Mysterium bildet die einzige giltige Hypo-
these, die uns die Erscheinungen unseres inneren Lebens deutet
und aufhellt.
Um diese Wendung zu begreifen, müssen wir zunächst bei
den besonderen dogmatischen Voraussetzungen verweilen, von
denen Pascal seinen Ausgang nimmt. Wie er, unter allen Jüngern
von Port-Royal, die Jansenistische Lehre nach aussen hin am
entschiedensten gegen die kirchliche Autorität verteidigt hat, so
zeigt er sich innerlich von ihr bis in ihre letzten und äussersten
Folgerungen hinein bestimmt und erfüllt. Und.es sind nicht
nur die psychologischen Grundmotive des Augustinismus, die
er in voller Unmittelbarkeit in sich erlebt: auch den extremsten
Folgerungen, auch allen logischen Widersprüchen und allen