Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Der Begriff der „intelligiblen Ausdehnung“. 495 
enden. Augustin vermochte die volle Bedeutung seines eigenen 
Gedankens nicht zu ermessen, weil er in Bezug auf die Empfindung 
das gewöhnliche Vorurteil teilt, weil ihm, der in den subjektiven 
Qualitäten Eigenschaften der Dinge selbst sieht, das konkreteObjekt 
der Erfahrung unmittelbar durch die Sinne gegeben gilt.?) Damit 
aber ist ein eigenes Gebiet niederer Erkenntnis abgegrenzt und 
anerkannt, das dem Reich der ewigen und notwendigen Wahr- 
heiten selbständig gegenübertritt. Die moderne Auffassung ver- 
mag diese Trennung, die der Einheit ihrer Methode widerstreitet, 
nicht länger aufrecht zu erhalten. Wie sie seit Nikolaus von 
Kues die reinen gedanklichen Operationen nicht losgelöst be- 
trachtet, sondern ihre Wirkung bis in den sinnlichen Eindruck 
selbst verfolgt, so kennt sie keine unbedingte Scheidewand mehr 
zwischen der intelligiblen und der Erfahrungswelt: .beide sind ihr 
nur in- und miteinander bekannt und gegeben, 
Mit diesen Gedanken aber weist Malebranche selbst den Weg, 
den die geschichtliche und sachliche Kritik seiner Ideenlehre 
einschlagen muss, Seine Philosophie ist der Versuch, auf eine 
neue Frage, die er in aller Schärfe erkennt und heraushebt, mit 
gedanklichen Mitteln zu antworten, die der Vergangenheit der 
Philosophie angehören. Das Problem, das ihn fesselt und auf 
das selbst all seine metaphysischen und theologischen Gedanken 
zurückweisen, ist die Geltung und Notwendigkeit unserer 
wissenschaftlichen Grundwahrheiten. Die beharrliche und 
ausschliessliche Richtung auf das zentrale Interesse der Erkennt- 
nis bezeichnet ihn als modernen Denker. Er glaubt sich dem 
metaphysischen Vorurteil, er glaubt sich der Scholastik entrückt, 
wenn er von ihren „Entitäten“ und Kräften überall zu den 
Ideen und Wahrheiten, als den ursprünglichen Anfängen, zu- 
rückgeht. Aber die Ideen selbst sind ihm nicht Funktionen 
und Tätigkeiten des Geistes; sie werden ihm zu einem ;jen- 
seitigen Reich geistiger Objekte. Der Mangel, der seine Meta- 
physik kennzeichnet, beherrscht auch seine Erkenntnislehre; 
sie muss das schöpferische Werden, sie muss den Akt des Er- 
kennens überall auf ein festes Sein zurückführen. (S.: oben S. 486f.) 
Die „Wahrheit“ ist nicht der ideelle Grenzpunkt, zu dem das 
Bewusstsein in immer ‚neuen Setzungen, in immer -kom- 
plexeren Synthesen, hinstrebt: — sie ist ein .starres und :.unbe-
	        
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