Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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und  auch  hier  hat  der  Ersatz  durch  gewebte  Stoffe  auf  dem  Gebiete
der  Handschuhindustrie,  in  der  Branche  der  Schuhfutter  und  auch  in
dem  speziellen  Gebiete  der  Tuchschuhe  den  Bedarf  an  Leder  beträchtlich
eingeengt;  daneben  besteht  natürlich  immer  noch  ein  sehr  bedeutender
Konsum  von  Leder  in  der  Schuh-  und  Handschuhlederindustrie  fort,
so  daß  sich  daraus  die  Neigung  der  Glacegerberei  zur  Kombination
erklärt,  und  speziell  die  Weiß-  und  Glacegerbereien  führen  einen  großen
Teil  ihrer  Produkte  dahin  ab.
Hier,  wie  auch  auf  dem  Gebiete  der  Sattlerei  und  Riemerei  kommt
aber  immer  stärker  der  Kampf  der  Produktionsprinzipien
untereinander  in  Betracht,  welcher  nach  seinem  heutigen  Stande  weite
Absatzgebiete,  welche  ehemals  der  Weißgerberei  zugeteilt  waren,  anderen
Gerbemethoden  eröffnet  hat.  So  sind  also  die  Verwendungsmöglichkeiten ­
  der  Hauptprodukte  der  uns  hier  interessierenden  Industriezweige
immer  weniger  und  immer  spezieller  geworden.  Gerade  der  umgekehrte
Vorgang  läßt  sich  für  die  Nebenprodukte  zeigen.
Wichtigstes  Nebenprodukt  der  Weißgerberei  ist  die  Wolle;  denn
die  auf  einem  Felle  sitzende  Wolle  besitzt  je  nach  Länge,  Qualität  und
Quantität,  wie  auch  nach  der  Art  der  Haarlockerung  oft  den  Wert  des
die  Wolle  tragenden  Felles.  Daraus  ist  es  verständlich,  daß  die  Pariser
Weißgerber  den  ganzen  Wollhandel  in  Händen  hatten 2 ),  daß  sie  die
Wolle  sortierten,  wuschen  und  verkauften;  deshalb  auch  haben  die
Pergamenter  oder  die  reinen  Sämischgerber  oft  ihr  Hauptrohmaterial,
nämlich  die  Felle,  in  der  Form  der  enthaarten  Blößen  von  den  Weißgerbern ­
  beziehen  müssen,  welche  den  einträglichen  Wollhandel  nicht  mit
anderen  Handwerkern  teilen  wollten.  Die  vielen  Bemühungen  der
Rotgerber,  die  Erlaubnis  zum  Enthaaren  der  Schaffelle  zu  erhalten,
sind  gleichfalls  daraus  zurückzuführen,  und  so  erklären  sich  auch  Gewerbsstreitigkeiten
  zwischen  Weißgerbern  und  Tuchmachern,  wie  die  oben  angeführte ­
  Nürnberger  noch  von  1847,  wo  ein  Weißgerber,  als  sein
eigentliches  Gewerbe  verödete,  zum  Verkaufe  kartätschter  Wolle  übergegangen ­
  war.  Gerberwolle  oder  Raufwolle,  wie  man  sie  auch  nennt,
spielt  heute  noch  eine  Hauptrolle  für  die  Weißgerbereien,  und  schon
beim  Einkauf  der  rohen  Felle  ist  die  darauf  sitzende  Wolle  mindestens
ebenso  ausschlaggebend  für  den  Preis  wie  die  Qualität  des  Felles
selbst.  Letzteres  ist  daher  ein  Punkt,  welcher  den  kleinen,  in  den
Konjunkturverhältnissen  der  Wollindustrie  nicht  ganz  bewanderten  Handwerkern ­
  ihr  Geschäft  schon  beim  Einkäufe  ihres  Hauptrohmaterials  erschwert. ­
  Größere  Weiß-  und  Glacegerbereien  haben  deshalb  ihren
Betrieben  stets  ziemlich  umfangreiche  Wollwäschereien,  Wolltrockeneinst

  Vgl.  Dämmer  1911,  Bd.  III,  S.  7  ff.
2 )  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  130.
            
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