Full text : Moderne Rechtsprobleme

J. Das Problem der Rechtsphilosophie.

einer völligen Vergleichheitlichung in der Weltentwick—
lung geführt: das Sein ist Denken und das Denken ist
Sein, und mithin ist die Entwicklung der Welt ebenfalls ein
solches Setzen und Aufheben von Begriffen. Diese Vergleichheit⸗
lichung ist insofern richtig, als man das Weltdenken von unferem
menschlichen Denken scheidet und die zweckstrebenden Bewegungen
im Weltall als eine Art unbewußten Denkens betrachiet,
sofern auch in ihnen ein geistiger Gehalt, ein vernünftiges Fort—
schreiten, eine vernunftentsprechende Entfaltung zu bemerken ist.
Unrichtig wird aber die Vergleichheitlichung, wenn man sie in
vermenschlichender Weise gestaltet, indem man das Denken des
Weltalls dem Denken des Menschen vollständig an—
gliedert. Das ist ebenso unrichtig wie die Annahme der
Scholastiker, welche der Gottheit menschliches Denken und Wollen
zuschrieben. In diese Irrung ist aber die Hegelsche Philosophie
ausgelaufen. Erhebt man sich darüber, dann erkennt man die
Richtigkeit seines Systems, und dann ist es einem jeden sicher,
daß die Weiterentwicklung der Philosophie hiervon und nur hier⸗
von ausgehen muß: wir müssen nur eben das Denken des Welt—
alls von dem menschlichen Denken scheiden; das Denken des
Weltalls in Bezug auf den Menschen ist Kultur:
Mein Schlaf ist Träumen,
Mein Träumen Sinnen,
Mein Sinnen Walten des Wissens.
Doch wenn ich schlafe,
Wachen Nornen:
Sie weben das Seil
Und spinnen fromm, was ich weiß! — — —
[Wagner, Siegfried.]
Hegels Philosophie war ja nur insofern ein fehlgeschlagener
Versuch, als sie die Kategorien des menschlichen Denkens auf die
Art der Weltentwicklung übertrug. Wir müssen tiefer greifen,
wir müssen durch eine reichliche Erfahrung die Gesetze der Welt—
entwicklung in der menschlichen Kultur kennen lernen; und
erst von da aus kann es uns gelingen, über die Grundzüge der
Entwicklung auf empirischem Wege das Nötige zu erfahren. Das
ist das Wesen unseres Neuhegelianismus.“ Wir haben die
große Hegelsche Entwicklungstheorie, die Idee von der Einheit in
der Vielheit, die Idee von der Relativitat der Zeit aufrecht er⸗
halten, suchen aber diese Idee durch eine reiche Erfahrung, durch
tausendfältiges Studium der Völker mit Inhalt zu erfüllen und
            
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