Der barmherzige Samariter. 39
geltend machen konnten. Das Handeln liegt im Kreis der
Sittlichkeit, nicht weil im einzelnen Falle ein unsitt—
liches Element bekämpft worden ist, fondern weil ein
solches sich hätte einschleichen können. Und auch dann
liegt das Handeln im Kreise der Sittlicheit, wenn die Wahl—
entscheidung auch nur in Art und Maß sittlicher Betätigung
zur Geltung kommen konnte. Im einzelnen ist zu bemerken:
1. Die Folgerungsweise Merkels berücksichtigt nicht das
Werden des menschlichen Charakters. Wie, wenn der barm⸗
herzige Samariter durch ständige Zucht seiner selbst, durch Be—
kämpfung der Eigensucht und unedlen Triebe das wurde, was er
ist? Glaubt man, daß der heilige Franziskus nicht auch durch
langjähriges Ankämpfen gegen innere Triebe der Heilige geworden
ist? Glaubt man, daß, wenn die Nachfolger eines heiligen Franziskus
ihre Habe den Armen schenkten, sie nicht auch in freier Tat ihr
eigenes Selbst besiegten und sich aus dem irdischen Streben zur
Gottesruhe bekehrten? Kennt man nicht die Stirne des Heiligen,
die uns das Bild jahrelangen Ringens und Kämpfens kundgibt?
Hat nicht selbst die Geschichte Jesu das Gedächtnis der Ver—
suchung hinterlassen? Jeder große Mann hat seine Lehrzeit, wo
er mit sich ringt und der wird, als der er in der Welt zu
wirken hat. Wenn schließlich der Heilige nicht anders kann, so
ist das vor allem seine jahrelange Selbstüberwindung: der Cha⸗
rakter, der sich im Handeln kund gibt, ist der durch ihn selbst
gewordene Charakter.
2. Aber auch außerdem ist der Samariter ebensowenig wir
der christliche oder buddhistische Heilige eine menschliche Ma—
schine, in der der freie Wille etwa verstummt wäre. Much der
Samariter wird bei der Tat der Liebe prüfend vorgehen,
und wenn etwa zwei oder mehrere Notlagen vorliegen, zu er—
wägen haben, wem und wie er helfen werde. Auch der Heilige
wird zunächst Würdige und Unwürdige unterscheiden, soweit das
erforderlich ist, weil er nicht allen helfen kann. Aber auch die
ganze Art, wie er an die Tat der Liebe herantritt, ist Gegenftand
seines Ermessens. Ob er eifriger oder weniger eifrig handelt,
die einen oder anderen Mittel anwendet, mit mehr oder
weniger ins Einzelne gehender Sorgfalt tätig ist, das ist Sache
seines freien Entschlusses. Der Samariter, der von der
Heilkunst etwas versteht, wird anders handeln als ein in der
Heilkunst Unerfahrener, und wenn er ein Heilkundiger ist, wird