Schlechte Charakteranlage.
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Man hat noch folgende merkwürdige Schlußfolgerung ver⸗
sucht, man hat gefagt: ist der Charakter gut und handelt der
Mensch doch schlecht, so müsse seine Verantwortung eine viel
größere sein, als wenn er von Charakteranlage schlecht wäre,
d. h. wenn er kraft seines Charakters schon an sich Geneigtheit
verspürte, gegen die menschliche Ordnung zu verstoßen. Darum
müßte man eigentlich den Tugendhelden mehr bestrafen als den
Lastermenschen! Das bedarf keiner Widerlegung. Je schlechter
der Charakter ist, je größer die Geneigtheit zur Untat, desto
größer ist die Pflicht des Menschen, der Geneigtheit zu
widerstehen, und zwar nicht nur im einzelnen Falle, sondern
auch überhaupt mit sich zu ringen, um die schlechten Triebe auf
die Dauer niederzukämpfen. Wer einen guten Charakter hat,
der wird im einzelnen Falle auf grund übermächtiger oder
heimlich anschleichender Beweggründe fehlen; er hat eben
zu wenig erkannt, daß der Böse oft unerwartet heranhuscht, er
hat ihm zu wenig das Tor verschlossen. Daß die Pflichtwidrigkeit
eines solchen viel geringer ist als bei dem von Charakter Laster⸗
haften, ist selbstverständlich, und das berücksichtigt auch der Straf—
richter im Strafmaß und in der Zuweisung mildernder Umstände.
Es ist ebenso, wie der Wächter mehr verantwortlich ist, welcher
einen stark gefährdeten Schatz zu bewachen hat, als wer zur Be—
wachung von Gegenständen aufgestellt ist, die man als ziemlich
sicher zu betrachten hat. Je größer die Gefahr, desto größer
ist natürlich auch die Pflicht der Abwehr und desto
größer die Verantwortung dessen, der die Pflicht ver—
nachlässigt hat.
Hiernach tritt allerdings die Wahrheit hervor, daß es Menschen
gibt, die von Natur mit einer viel schwereren Pflicht be—
lastet sind als andere; denn auch abgesehen vom erworbenen
Charakter gibt es im angeborenen Charakter große Unterschiede,
und sodann kann der angeborene Charakter in der Jugendzeit,
wo der Mensch noch nicht in der Lage war, mit Verständnis an
sich zu arbeiten, verdorben und verkehrt werden; auch kann
moͤglicherweise die ganze Umgebung auf die Bildung des Cha—
rakters verderblich, fast möchte ich sagen, mörderisch einwirken.
So ist dem einen ein schwereres, dem anderen ein leichteres
Lebensproblem gestellt.