Full text : Moderne Rechtsprobleme

Kultur und Verbrechen.

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Man sollte doch glauben, daß der Gedanke der Zwangsverschickung
mit Lebhaftigkeit aufgegriffen würde; aber in Deutschland dauert
es immer längere Zeit, bis man sich zu solchen Neuerungen versteht.
Im übrigen aber ist zu bemerken: Es ist zunächst unrichtig,
anzunehmen, daß die gesteigerte Kultur ein Abnehmen der Ver—
brecherschaft bewirke; denn die Erhöhung der Bildung ist vor
allem eine Erhöhung der Verstandeskräfte und eine Steigerung
des Geistesinhaltes, sowie eine Entwicklung des Schönheitssinnes
in Verbindung mit einem Emporwachsen der Wirtschaft und einer
Vermehrung der wirtschaftlichen Güter und der Lebensbedürfnisse.
Alles dieses enthält durchaus nicht die notwendige Hemmung
gegenüber dem Überwuchern gesellschaftswidriger Bestrebungen,
höchstens insofern, als die Beschäftigung den Einzelnen von ver—
derblichen Gedanken abbringt oder ihm die Notwendigkeit der
Unterwerfung unter staatliche Verhältnisse eindringlich klarlegt.
Gewisse Arten des Verbrechertums werden allerdings aufhören:
das Banditentum ebenso wie die Blutrache; allein, wie noch zu
zeigen, setzt sich das Banditentum in anderer Gestalt fort, und an
Stelle der Blutrache treten andere schwere Entartungen. Anderer⸗
seits wieder gibt die Steigerung der geistigen Bildung reiche Gelegen⸗
heit zum Aussinnen von Tausenden von verbrecherischen Plänen,
und die Mittel der Verbergung und Verschleierung werden immer
durchdachter und undurchsichtiger; vor allem aber bewirkt die
Steigerung der wirtschaftlichen Kultur eine scharfe Kluft zwischen
arm und reich, und die erhöhten Genußmittel erhöhen zugleich
die Begehrlichkeit und rufen eine Reihe ungesunder Triebe wach;
auch wird die Beschäftigung mit dem Schönen vielfach eine ge—
wisse geschlechtliche Erregung nicht vermeiden lassen, und was
die durch gesteigerte Bildung herbeigeführte Blutscheu betrifft, so
wird sie, wie noch zu zeigen, durch andere Umstände nieder—
gehalten. Vor allem aber enthält die Kultur ein Bestreben nach
Verselbständigung des Einzelwesens und nach einer gewissen
Loslösung aus der Gesamtheit und ihren gesellschaftlichen Be—
ziehungen. Jedes Wesen wird mehr und mehr sich selbst der Nächste
und will sich in seiner Weise entwickeln und sein Geschick ge—
stalten; da stößt es natürlich vielfach auf Hemmnisse und
Schwierigkeiten, und so steigt die Unzufriedenheit und das Miß—
trauen gegen die herrschenden Zustände. Außerdem aber enthalten
die Kräfte, welche die Menschheit zur Kultur führen, einen großen
Gehalt von Unzufriedenheit mit den vorhandenen Verhältnissen
            
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