Full text : Moderne Rechtsprobleme

Kultur und Sittlichkeit.

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Die Steigerung des Verbrecherlebens mit der Kultur ist an
sich eine betrübende Tatsache; allein tröstlich ist, daß sie sich mit
der aufstrebenden Kultur verträgt und durchaus nicht der Weiter—
entwicklung der Menschheit im Wege steht. Die Zeit von Dante
bis Michel Angelo war eine Zeitspanne unerhörter Kraftentwicklung
menschlichen Geistes; aber ebenso gewiß ist es, daß damals in Florenz
die Zahl der Verbrechen eine geradezu haarsträubende Zunahme
erfahren hat. Auf der anderen Seite müssen wir daraus
die Belehrung schöpfen, daß die Kultur durchaus nicht zur Ver—
weichlichung in der Strafrechtspflege führen darf: es handelt sich
für uns nicht etwa bloß darum, die Kultur zu entwickeln, sondern
auch die mit der Kultursteigerung im Zusammenhange stehenden
gesellschaftswidrigen Verhältnisse möglichst zu bekämpfen. Das ist,
wie bereits bemerkt, bisher nur in geringem Maße geschehen. Man
glaubte, mit der Beförderung der geistigen Anlagen alles getan zu
haben, weil man der Meinung war, als ob die Erhöhung der
Bildung von selber das Verbrechertum schwinden lasse. Das ist
der größte Wahn, der je die Gesetzgebung irregeleitet hat. Man
muß zur Erkenntnis gelangen, daß mit steigender Kultur die
Triebe zum Verbrechen nicht ab-, sondern zunehmen, und man
muß darum bedacht sein, diesen Trieben möglichst entgegenzuwirken.
Wie es die Menschen anstellen sollen, um die Pflanzstaͤtten des
Verbrechens möglichst zu vernichten, wie sie auf der anderen Seite
dem zum Unheil Geneigten unter den Arm zu greifen haben, um
ihn in seiner schlüpfrigen Lage zu unterstützen, ist bereits ent—
wickelt worden (S. 46 f.) Dort wurde besonders hervorgehoben, daß die
Zwangsverschickung Tausende und Abertausende gefährliche Elemente
in Verhältnisse bringt, in denen sich ihre verbrecherische Tätigkeit
abstumpft und ihre unheilvollen Pläne in Ermangelung der
nötigen Nahrungsstoffe von selbst absterben.
Tun wir das Unserige, um derartige Milderungen herbei—
zuführen! Die Menschheit der siebziger Jahre, die uns einst
Treitschke als das Muster heroischer Vaterlandstugenden darstellte,
war gerade in dieser Beziehung völlig unfruchtbar. Man wirt—
schaftete damals mit vorhandenen gesellschaftlichen Mitteln, ohne
zu beachten, daß die Neuzeit mit all ihren Anforderungen und
Bestrebungen auch in diefer Beziehung neue Wege einschlagen
müsse. Nichts tat man, um die wirtschaftlichen Gegensätze zu
            
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