Bildende Kunst.
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Meisters durchpulst seine Schöpfungen in all seinen Schlägen,
Regungen und Tiefen.
4. Hans Thoma, ein Bauernsohn vom Schwarzwald,
1839 geboren, wurde zwanzigjährig Winterschüler der Karls—
ruher Akademie, dreißigjährig Schüler Courbets. Von Courbet
wurde er in den fortgeschrittensten Impressionismus der sech—
ziger Jahre eingeweiht: als er aber im Winter von 1869 auf
1870 zehn große Bilder von je zwei Meter Breite in der neu
errungenen Formensprache der Franzosen zu Karlsruhe aus—
stellte, fiel er damit in einer unerhörten Weise durch — und
still und verstockt, wie er war, zog er sich zunächst nach München
zurück. Später hat er dann lange verborgen in Frankfurt am Main
gelebt, bis die neunziger Jahre Ruhmes die Fülle brachten und
der Fürst seines Landes ihn in die Stadt eben der Akademie
berief, deren Lehrern er früher so viel scheinbar veraebene
Mühe gemacht hatte.
Entwicklungsgeschichtlich ist Thoma Idealist des vor—⸗
geschrittenen physiologischen Impressionismus, wie Böcklin
Idealist der Anfänge dieses Impressionismus gewesen war: in
diesem Sinne setzt er die Reihe der deutschen Idealisten fort.
Freilich hat er dabei, der äußeren Form nach, den Idealis—
mus kaum über Böcklin hinaus gefördert, und auch in der
Virtuosität der Technik ist er diesem keineswegs gewachsen.
Nicht als ob er auf dem Gebiete formaler Fortbildung nicht
Großes hätte leisten können, — wer wird bei dem Maler eines
Bildes wie „Die raufenden Buben“ glänzende technische Ver—
anlagung verkennen? Aber diese Seite seiner Kunst fesselte
ihn nicht, denn er wurde von einer ganz anderen Gewalt völlig
in Anspruch genommen und gleichsam mit Beschlag belegt:
von der Macht einer überquellenden dichterischen Phantasie.
Und diese Phantasie hat nun, im Gegensatz zu der aller
anderen Idealisten dieser Reihe, keine Spur von Kosmopolitismus
an sich; fie ist durchaus und rein deutsch. Ob Ausländer Thoma
ganz oder auch nur einigermaßen verstehen können? Jedenfalls ver—
Lamprecht. Deutiche Geschichte. Erster Ergünzungsband. 11